LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

Durch die rosa Brille

Momente des Glücks

In einer Zeit, da Karriere zu machen das allein selig machende Lebensziel und der Ellenbogen am Weg zum vermeintlichen Erfolg essentielles Instrumentarium ist, bleibt kein Platz für Idealismus. „Gutmensch“ ist da zum Schimpfwort mutiert und Solidarität zum Fremd-Wort verkommen. Gewonnen hat in dieser Arena des ungezügelten Wettbewerbs, wer das meiste Geld gescheffelt und die größte Machtposition erklommen hat. Umso reizvoller gestaltet sich das Spiel zu Beginn dieses Jahrtausends, wo sich die Schere zwischen der großen Masse, die fast nichts besitzt, und der kleinen Elite, die im Überfluss lebt, immer weiter öffnet.

Die ganze – so genannte zivilisierte – Welt ist hoffnungslos von diesem unheilvollen Geist des Kapitalismus besessen. Die ganze Welt? Nein, so wie im Gallien des Asterix gibt es ein paar Unbeugsame. Jene, die erkannt haben, dass es abseits des Immermehr, Immerbesser, Immerschneller auch noch anderes geben muss. Sie wollen, dass die Europäische Union nicht zum Marionettentheater der multinationalen Konzerne verkommt, sondern als Garantin für Frieden, soziale Sicherheit und Menschenrechte wirkt. Sie wollen, dass durch die Globalisierung nicht Menschen verschiedener Länder gegen einander ausgespielt werden, sondern dass Chancen für mehr Verteilungsgerechtigkeit, Katastrophenhilfe und Umweltschutz genutzt werden.

Weil ich’s geradezu entzückend gedankenlos und so symptomatisch für die vorherrschende Geisteshaltung finde: Der ÖVP-Wirtschaftsbund verschickt derzeit Werbematerial (Mitte März sind Wirtschaftskammerwahlen) mit dem Slogan „Wirtschaft zuerst“. Also ich halte es da mehr mit „Der Mensch zuerst“.

Aber viele haben schon erkannt, dass im großen Geld nicht die Erfüllung liegt. Ist man wirklich glücklich, wenn man ein Leben lang dem Traum von der ganz großen Karriere hinterherjagt und daneben aufs Leben vergisst? Womit aber jetzt nicht einer resignativen Passivität das Wort geredet werden soll, ganz im Gegenteil!

„Augenblick, verweile doch, du bist so schön!“ – ein bekanntes Zitat aus Goethes Faust. Wann findet man sich in solchen Momenten des Glücks? Das empfindet wohl jeder anders. Vielleicht im Kreis von guten FreundInnen im Zuge einer heiteren Unterhaltung. Beim Schwimmen in einem See an einem Hochsommertag. Nach einer persönlichen sportlichen Höchstleistung. Beim Sex mit einem lieben Menschen. Während der Lektüre eines guten Buches.

Auch die kleinen Erfolge zählen: Sehr viel kann einem z. B. ehrenamtliches Engagement, etwa in der Lesben- und Schwulenbewegung, geben. Gemeinsam mit anderen, die dieselben Ideale verfolgen, an Projekten zu arbeiten bedeutet mir irrsinnig viel. Der Stolz, wieder eine Ausgabe der LAMBDA-Nachrichten aus der Druckerei geliefert zu bekommen, ist mächtig. Die Freude, als Teil eines tollen Teams einen gelungenen Regenbogen-Ball auf die Beine gestellt zu haben, ist groß. Und wenn die von uns ausgesandte Medienaussendung in einer Zeitung oder einem TV-Bericht Niederschlag findet oder gar in einer Parlamentsdebatte erwähnt wird, gibt mir das eine große Befriedigung.

Als Idealist und Gutmensch mit sozialem Gewissen wird man wohl keine große Karriere und schon gar nicht das große Geld machen. Aber möglicherweise das glücklichere Leben haben.