LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

ProGay

Draufzahlen gibt’s nicht

Gleichgeschlechtliche PartnerInnen, die mit Finanzierungs- und Absicherungsanliegen bei ihrer Hausbank vorstellig werden, erleben regelmäßig ihre blauen Wunder: In der Praxis des österreichischen Bankenwesens ist die sexuelle Orientierung von Paaren ein nicht unerheblicher Aspekt für die Risikoeinstufung. Schwule und lesbische PartnerInnen werden so nicht nur kräftiger zur Kasse gebeten als Heterosexuelle – sie haben auch manch andere rechtliche und menschliche Hürden zu meistern.

Zum ersten Mal in Österreich geht nun ein professionelles Finanzberatungsunternehmen mit einem Programm in die Offensive, das speziell auf die Bedürfnisse und Schwierigkeiten von gleichgeschlechtlichen PartnerInnen eingeht. Die Wiener „ProKonzept GmbH“ bietet Schwulen und Lesben Beratung und Unterstützung bei Geldangelegenheiten an. Für Unternehmensinhaberin Daniela Orlik führte der Weg zu einem derartigen Produkt über ein auf Frauen abgestimmtes Finanzangebot: „Durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Frauenorganisationen sind wir bald durch lesbische Klientinnen auf die speziellen Stolpersteine und Fallen für gleichgeschlechtliche PartnerInnen gestoßen“, meint Orlik. Das Resultat: ProGay – ein Finanz-Serviceprogramm, das sich das Ziel gesetzt hat, die offiziellen und inoffiziellen Benachteiligungen für Schwule und Lesben im Finanzwesen durch kluges Umdenken und clevere Alternativlösungen zu umschiffen.

Euro-Banknoten verschwinden in einem Staubsauger

Bloß kein Geld verschwenden: Benachteiligungen für Lesben und Schwule können umschifft werden.

ProGay-Projektleiterin Elke Spitzer weiß, wo die größten Schikanen lauern: „Bei gemeinsamen Anschaffungen bzw. bei gegenseitiger Absicherung für den Erbfall gelten gleichgeschlechtliche PartnerInnen vor dem Gesetz schlichtweg als zwei Fremde. Diese Linie wird von den Banken konsequent fortgesetzt.“ Konkret resultiert das in der Praxis oft in mangelhafter oder irreführender Beratung. So zum Beispiel in dem Ratschlag an die PartnerInnen, zwei separate Kredite zu zeichnen. Für die Bank ein gutes Geschäft – sowohl in punkto Spesen, als auch in punkto Haftung.

Das Geschichtenrepertoire von Daniela Orlik und Elke Spitzer an absurden Bankempfehlungen für gleichgeschlechtliche PartnerInnen ist reichhaltig. Die Ursache reduziert sich dabei in allen Fällen auf eine Tatsache: Durch die oftmals kritisierte Ungleichstellung gegenüber verschiedengeschlechtlichen Paaren gelten Schwule und Lesben unabhängig von der Dauer der Beziehung oder vom Vorhandensein eines gemeinsamen Wohnsitzes nicht als PartnerInnen. „Vor diesem Problem stehen auch unverheiratete Heterosexuelle“, meint Daniela Orlik. „Aber diesen steht mit der Heirat ein probates Mittel zur Verfügung, um diese Benachteiligung hinter sich zu lassen.“

Ohne Trauschein gestalten sich Anliegen wie gemeinsame Konten, gemeinsame Kredite oder Erbansprüche im Todesfall entweder äußerst schwierig oder sind nahezu unmöglich zu lösen. ProGay bietet Lösungen an, wie gleichgeschlechtliche Paare mit alternativen Mitteln dennoch zum gewünschten Ergebnis kommen können. „Das reicht von simplen Ablebensversicherungen, die den Partner/die Partnerin als Versicherungsnehmer/in anstatt als Begünstigte/n einsetzen, bis hin zu ParterInnenverträgen, die ähnlich einem Ehevertrag die Vorgangsweise im Fall der Trennung regeln“, meint Elke Spitzer. „Oft lassen sich rechtliche Hürden mit simplen Mitteln umgehen – wenn man weiß, worauf man achten muss.“

In Zusammenarbeit mit Anwälten und Notaren bietet ProGay spezielle Lösungen für nahezu alle Geldangelegenheiten. So zum Beispiel für eines der heikelsten Themen im Zusammenleben gleichgeschlechtlicher PartnerInnen: Ohne Testament stehen im Fall der Fälle die Chancen für LebenspartnerInnen schlecht, sich gegen die rechtlich gedeckten (und forcierten) Ansprüche der Familie durchzusetzen. Auch hier stehen sich, wenn kein Testament vorhanden ist, vor dem Gesetz – rechtlich betrachtet – Angehörige und ein/e völlig Fremde/r gegenüber.

ProGay-KlientInnen stehen neben kompetenter Beratung auch konkrete Services zur Verfügung. „Im Rahmen unseres Angebots nehmen wir im Auftrag unserer KlientInnen auch Banktermine wahr“, erklärt Daniela Orlik. „Es ist nicht jedermanns oder jederfraus Sache, sich von übereifrigen KreditbearbeiterInnen über die eigene sexuelle Orientierung ausfragen zu lassen. Abgesehen davon durchschauen wir als Profis schnell jeden Versuch einer Benachteiligung.“

Derzeit wird ProGay in erster Linie in Ostösterreich forciert. Bei positivem Feedback möchte ProKonzept die Aktivitäten landesweit ausdehnen. Mehr über „ProGay“ ist unter www.progay.at zu erfahren bzw. direkt bei „ProKonzept“ unter Tel. (01) 817-41-44. Das Erstberatungsgespräch ist kostenlos.

Marco Seltenreich