LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

LN-Videothek

Schlechte Erziehung

dvdcover
La mala educación. Schlechte Erziehung. E 2004, 104 Min., span. OF, dt. UT, Regie: Pedro Almodóvar.

Enrique ist ein begnadeter Regisseur und stets auf der Suche nach gutem Filmstoff. Eines Tages klopft der Schauspieler Angel an seine Tür. Der gibt sich als Enriques Jugendliebe Ignacio aus, überredet Enrique zur Verfilmung der eigens von ihm verfassten Novelle Der Besuch und möchte eine Rolle darin. Mit Enriques Lektüre der Novelle blendet der Film immer wieder in den Film im Film und damit in die gemeinsame Kindheit mit Ignacio in einem katholischen Internat. Im Schatten des sexuellen Missbrauchs durch Priester Manolo entdecken die Jungs die erste Liebe, doch ihre Leidenschaft zueinander wird im Keim erstickt. Ohne zu moralisieren, zeigt Almodóvar, wie die Erfahrungen im Klosterinternat das Fortleben aller Beteiligten beeinflussen und dass sich die Fesseln der Vergangenheit nicht so einfach abstreifen lassen. Wie Almodóvars frühere Filme geht es um Opfer und Täter, Schuld und Sühne, Angst und Hoffnung, Macht und Ohnmacht. La mala educación trägt wie viele Filme Almodóvars stark autobiografische Züge und ist sicherlich einer seiner elaboriertesten Filme. Almodóvar hat zehn Jahre an diesem Projekt gearbeitet, es immer wieder ruhen lassen und neu überarbeitet.

Zwei ungleiche Schwestern

dvdcover
Chutney Popcorn. USA 1999, 92 Min., OF, Regie: Nisha Ganatra.

Sarita und Reena sind ungleiche Schwestern der zweiten indischen Einwanderergeneration. Reena, die coole Motorradlesbe, die mit ihrer Freundin Lisa zusammenlebt, hält nicht viel vom angepassten Lebensstil ihrer verheirateten Schwester, die sich ebenso sehnlich wie vergeblich Kinder wünscht. Auch mit ihrer indischen Herkunft kann die junge Amerikanerin Reena wenig anfangen. Als sie aber von Saritas Unfruchtbarkeit erfährt, möchte Reena endlich einmal etwas für die Familie tun und für ihre Schwester schwanger werden und ein Kind bekommen. Alle Warnungen ihrer Freundinnen schlägt sie in den Wind, nicht einmal der untergriffige Vorwurf, eine „Miet-Gebärmutter“ zu werden, kann sie beeindrucken. Doch als sie schließlich schwanger ist, will plötzlich Reenas Schwesterherz gar kein Kind mehr, sondern schnappt sich das Motorrad und verschwindet. Und auch Lisa hat keine Lust auf ein Kind und sucht das Weite. So steht Reena auf einmal allein mit Kind, wenngleich gar nicht ratlos da. Den ernsten Themen wie kulturelle Identität, binationale PartnerInnenschaften und lesbische Mutterschaft wird mit viel Humor der Zahn gezogen – Lachen befreit eben.

 

Serienmörder

dvdcover
Ein Leben lang kurze Hosen tragen. D 2004­, 84 Min., dt. OF, Regie: Kai S. Pieck.

In den Jahren 1962 bis 1966 entführte, missbrauchte und tötete der Fleischergehilfe Jürgen Bartsch im Ruhrgebiet vier halbwüchsige Burschen. Bei seinem ersten Mord war er 15 Jahre alt, als man ihn fasste, 19. Bartschs fesselnde Beichte während einer Therapiesitzung 1972 in der Landesheilanstalt Eickelborn bildet den Rahmen für szenische Rückblenden, die seinen Lebensweg und die Morde nachzeichnen – eine Reise in die Abgründe einer kranken und geschundenen Seele. Tobias Schenke spielt den abwechselnd aufbrausenden und dann wieder kindlich Schutz suchenden Bartsch. Beeindruckend sind der hohe Reflexionsgrad und das sprachliche Niveau der Auskünfte. Jürgen Bartsch ist sich der Krankhaftigkeit seines Triebes, Burschen zu töten, bewusst, doch sieht er keine Alternative zu seinen Taten. An einer Stelle sagt Bartsch, er würde gerne seinem letzten Opfer, das entkam und dessen Aussage zu seiner Festnahme führte, begegnen und um Entschuldigung bitten, doch könne dies nur falsch verstanden werden.

Bartschs Leben, sein kaltes Elternhaus, das brutale katholische Internat, seine Suche nach Opfern werden in Rückblenden inszeniert. Bartsch hatte eine Höhle gefunden, in der er sich schon bald ausmalte, mit Jungen – ihn faszinierten 9- bis 14-jährige – alleine zu sein. Am Anfang schienen Bartschs Fantasien noch spielerisch. In einer Silvesternacht überredet er seinen Freund, sich eine halbe Stunde tot zu stellen und sich nicht zu rühren. Bartsch zieht seinen Freund aus, betrachtet und befühlt dessen Körper. Doch schon im nächsten Sommer will er seinen Freund schlagen, kurz überlegt er auch, ihn zu töten. Schließlich macht er sich auf Volksfesten und in der Nähe von Schulen auf die Suche nach Jungen, die ihm gefallen. Seine Höhle wird zu einer verklärten Gegenwelt für Bartsch und zum Ort des Grauens für seine Opfer. Der packende Film zeichnet sich durch sein Einfühlungsvermögen aus, das nie in Beschönigung oder gar in eine Verkehrung von Täter und Opfer abgleitet.

LN-Bibliothek

Rezensionen zu einer Reihe von aktuellen Büchern... weiter

LN-Discothek

Besprechungen zu aktuellen CDs... weiter