LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

LN-Bibliothek

Wangenröte

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Christine Proske (Hg.): Rubinrote Nächte. Erotische Erzählungen. Wilhelm-Heyne-Verlag, München 2005.

Christine Proske, Herausgeberin und Übersetzerin, hat Romanauszüge und Kurzgeschichten namhafter Autorinnen sowie junger Talente für die Anthologie Rubinrote Nächte ausgewählt. Sammlungen dieser Art sind bei Verlagen wie auch bei LeserInnen sehr beliebt: Zum einen kann der Verlag weitgehend unbekannte AutorInnen (zahlreiche Erstveröffentlichungen) vorstellen, zum anderen sind kleine literarische Häppchen leichter verdaulich.

Der Bogen der keinesfalls banalen Geschichten spannt sich von Dein Arsch ist kalt, Sweety bis zu Bewahre ich denn Würde, wenn ich mich an dich lehne? Besonders hervorzuheben ist die Kurzgeschichte von Anaïs Nin, die älteste, aber eine der erfrischenderen in diesem Sammelband. Weitere bekannte Autorinnen sind Leslie Feinberg, vertreten mit einem Auszug aus ihrem ausgezeichneten Roman Träume in den erwachenden Morgen, und Luise Schmidt mit einer Geschichte aus ihrem Erzählband Tussi di Mare, bei der eigentlich ein Kater die Hauptrolle spielt. Als einziger Mann hat es Stephan Niederwieser in die Auswahl geschafft. Es ist eher selten und daher sehr erfreulich, dass ein Mann niveauvoll die Anbahnung zwischen Frauen schildert.

Mit sensibler Hand hat die Herausgeberin die Geschichten aneinander gereiht, Sehnsucht wird zu Verführung, wird zu Leidenschaft. Rubinrot färben sich die Wangen bei der Lektüre. Eine harmonische Sammlung erotischer Momente mit einem ansprechenden, dezenten Cover.

BN

Trauerarbeit

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Cynthia Kear: In deinen Armen tanzt mein Herz. Roman. Übersetzt von Andrea Krug. Verlag Krug & Schadenberg, Berlin 2004.

Die Malerin Luce versucht den Verlust ihrer zwei Jahre zuvor an Brustkrebs gestorbenen Lebensgefährtin Grace in ihrer künstlerischen Arbeit zu bewältigen und steht knapp vor dem Durchbruch zum Erfolg. Ihre Schwester Mead, Ärztin und engagierte AIDS-Forscherin, wird während ihres Austauschprogramms in Nairobi immer stärker mit den Folgen dieser Krankheit gerade für SchwarzafrikanerInnen konfrontiert und muss sich zugleich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Beide Schwestern haben schon lange kaum Kontakt zueinander, und wenn sie sich doch einmal begegnen, dann bleiben ihre Treffen oberflächlich, und jede verbirgt ihr Privatleben vor der anderen. Ihre Mutter Elizabeth hat sich mit einem konventionellen, materiell abgesicherten Leben als Ehefrau eines bekannten Chirurgen, der seine Kinder unter starken Leistungsdruck gesetzt hatte, abgefunden. Sein Schlaganfall zerstört jäh seine eigene Lebenslüge und veranlasst die drei Frauen, ihr bisheriges Leben neu zu überdenken und daraus auch Konsequenzen zu ziehen.

Die US-Amerikanerin Cynthia Kear erzählt in ihrem Erstlingsroman In deinen Armen tanzt mein Herz sehr einfühlsam und zugleich ohne Partei für eine der Protagonistinnen zu ergreifen, die Geschichte der Entfremdung innerhalb einer Familie und die langsame Wiederannäherung der beiden Schwestern und ihrer Mutter. Die bedächtige Erzählweise, die mit zahlreichen Rückblenden arbeitet, spart gänzlich traditionelle Lesbenromanklischees aus.

GH

 

Schwule Zeitläufte

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Elmar Kraushaar: Der homosexuelle Mann... Anmerkungen und Beobachtungen aus zwei Jahrzehnten. Männer­schwarmSkript-Verlag, Hamburg 2004.

Seit 1985 kommentiert der Berliner Journalist und Autor Elmar Kraushaar schwule Politik und schwules Leben. Unter dem Titel Überflogen erschienen seine Glossen zuerst in der Siegessäule, dann im Magnus; ab 1995 schrieb er sie in der tageszeitung und nannte sie Der homosexuelle Mann...

Unter diesem Titel hat sie nun der MännerschwarmSkript-Verlag gesammelt herausgegeben; und auch heute erweisen sich viele noch immer als aktuell. Pointiert, auf den – sprachlichen – Punkt gebracht, engagiert und parteilich, streckenweise bissig und durchaus selbstironisch wettert der Autor gegen schwule Anpasser, Kriecher, Duckmäuser. Besonderes Augenmerk legt er auf Medienanalysen. Nicht nur die etablierte homophobe Mainstream-Presse, sondern auch die schwulen Printmedien ernten hier ihre verdiente Medienschelte. Besondere Pikanterie am Rande: Als er als taz-Kommentator die taz kritisierte, wurde seine Glosse prompt nicht abgedruckt! Natürlich hat Kraushaar auch einen Lieblingsfeind, den er genüsslich durch den Kakao zieht: den grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck.

AIDS, die Eingetragene LebenspartnerInnenschaft, schwule Sexualität, CSD-Paraden, diverse geoutete Promis sind nur ein kleiner Auszug aus der Themenliste. Vergnüglich zu lesende Lektüre eines Autors, der auf dem Standpunkt der zumindest sprachlichen Widerständigkeit beharrt und zugleich davor warnt, kleine Errungenschaften mit völliger gesellschaftlicher Akzeptanz zu verwechseln.

GH

 

NS-Täter und BSA

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Wolfgang Neugebauer/Peter Schwarz: Der Wille zum aufrechten Gang. Hg. vom Bund sozialdemokratischer AkademikerInnen, Intellektueller und KünstlerInnen (BSA). Czernin-Verlag, Wien 2005.

Mit Hilfe einer sozialdemokratischen Organisation, des Bundes Sozialistischer Akademiker (BSA), machte er Karriere im Nachkriegs-Österreich: Heinrich Gross, während der NS-Zeit als Arzt am Wiener Spiegelgrund verantwortlich für zahlreiche Morde an angeblich geisteskranken Kindern. Schon Anfang 1979 hatte Werner Vogt Gross’ Mordtaten aufgedeckt; im darauffolgenden Prozess wird der damalige Unfallchirurg vom Vorwurf der Ehrenbeleidigung freigesprochen. Gross wurde daraufhin aus der SPÖ ausgeschlossen; erst sechs Jahre später erfolgte der Ausschluss aus dem BSA. 2000 wurde Gross endlich vor Gericht gestellt; der Mordprozess ist wegen angeblicher Demenz und somit Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten bis heute unterbrochen (vgl. Filmbesprechung auf S. 30).

Dass es sich bei der Person des meistbeschäftigten Gerichtsgutachters der Zweiten Republik um keinen Einzelfall handelt, dass vor allem der BSA als Karriereschmiede und männliche Seilschaft für ehemalige SS-Mitglieder und andere Nationalsozialisten diente, dass somit ausgerechnet eine SPÖ-Organisation Täter förderte, statt die Rückkehr der in die Emigration Gezwungenen und der Vertriebenen voranzutreiben, dies belegt eindrucksvoll und mit schonungsloser Offenheit Der Wille zum aufrechten Gang, das Ergebnis der Untersuchung einer vom ehemaligen BSA-Vorsitzenden Sepp Rieder beauftragten Historikerkommission. Aber: Viele der hier angeführten Personen wurden schon vor Jahrzehnten belastet, etwa der ehemalige Salzburger Polizeidirektor Johann Biringer oder Gerhart Harrer (ehemaliger Leiter der Salzburger Nervenklinik) als Mitglieder der Waffen-SS.

Eine überfällige und lesenswerte Aufarbeitung eines Teils der SPÖ-Geschichte.

GH

 

Dunkle Seiten

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Markus Dullin: Fluchtverdacht. Querverlag, Berlin 2004.

Nein, heil ist die Welt nicht, die Markus Dullin beschreibt. Der Autor, der mit seinem ersten Roman Schwarzlicht noch nicht ganz überzeugen konnte, legt mit Fluchtverdacht eine gnadenlose Studie über die Schattenseiten schwuler Beziehungen vor. Dabei gelingt es ihm in bewundernswerter Weise, zahlreiche Heile-Welt-Mythen der schwulen Selbstdarstellung aufzuzeigen, um sie unaufdringlich, aber wirkungsvoll zu demaskieren. Schon die Hauptfigur Hannes ist ein Antiheld: Arbeitslos, dem Alkohol zugeneigt und sexsüchtig lebt er in einer scheinbar intakten Beziehung. Der Freundeskreis ist stabil, Seitensprünge sind entweder kein Thema oder Teil der Vereinbarung, Probleme werden entweder sofort gelöst oder nicht angesprochen. Erst das Verschwinden eines Freundes und Sex-Partners bringt nicht nur das Idyll ins Wanken, sondern zwingt Hannes zudem, sich mit seinem Selbstbild auseinanderzusetzen. Dullin gelingt es sogar dort, wo das Abrutschen in Klischees ein Leichtes wäre – etwa bei der Schilderung der Goldenen Hochzeit von Hannes’ Eltern –, nicht ins Banale abzudriften und die Spannung zu halten. Und spannend ist das Buch allemal, denn schließlich erfahren wir Schritt für Schritt, was es mit dem Verschwinden des Freundes auf sich hat. Die Kombination des Erkenntnisromans mit klassischen Krimielementen funktioniert, weil die beiden Elemente sich in diesem Fall bedingen und auf einen gemeinsamen Höhepunkt zusteuern. So wie Hannes geraten die LeserInnen in den Sog der Ereignisse, immer enger ist die Lösung des Rätsels mit Hannes’ Seelenfrieden verknüpft, immer mehr Illusionen bleiben am Rand des Weges liegen. Keine Frage: Dullins Zeichnung schwuler Lebenswelten ist düster und pessimistisch, doch scheint es an der Zeit, sich dem Blick hinter die Fassade der bunten „Alles-geht-ganz-einfach“-Szene zu stellen.

MW

 

Whodunnit

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Grant Michaels: Tête-à-tête mit dem Tod. Übersetzt von Karin Kloß. Rotbuch-Verlag, Hamburg 2004.

Stan Kraychik ist einer der liebenswertesten schwulen Detektive und verdankt seinem Schöpfer nicht nur eine Schwärmerei für einen italienischen Macho-Kommissar, sondern auch immer neue spannende und amüsante Fälle. Im neuesten – inzwischen siebenten – Roman gilt es Morde bei einem schwulen Cowboy-Tanzwettbewerb aufzuklären, was zu manch augenzwinkerndem Kommentar Anlass gibt. Die LeserInnen sind aufgefordert, aus dem Kreis der schillernden Verdächtigen den/die Täter/in, aber auch eine/n Dieb/in historischer Gürtelschnallen ausfindig zu machen. Viel Spaß dabei!

MW

 

Lesbische Anthologie

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Ilona Bubeck (Hg.): Sappho küsst die Sterne. Neue deutschsprachige Literatur von Lesben. Querverlag, Berlin 2004.

Mit Sappho küsst die Sterne legt Herausgeberin Ilona Bubeck nun eine Anthologie deutschsprachiger lesbischer Autorinnen vor. Für diesen Kurzgeschichtenband haben auch österreichische Autorinnen, wie Helga Pankratz, Karin Rick und Nadja Boris Schefzig bisher nicht erschienene Texte beigesteuert. Ansonsten sind bekannte Namen (Nicole Müller, Karen-Susan Fessel) neben Newcomerinnen versammelt. Eine Vielzahl von Themen wird angeschlagen; auch innerhalb des Genres Kurzgeschichte findet sich eine breite stilistische Vielfalt. Larmoyanz ist Selbstbewusstsein gewichen; Lesbenliteratur ist bunt und vielfältig – so wie es Lesben selbst sind.

GH

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