LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

Leitartikel

Backlash

Frausein allein ist kein Programm betitelte 1989 die österreichische Feministin Ingrid Strobl eine auch heute noch sehr lesenswerte Sammlung ihrer feministischen Artikel. Frausein heißt noch nicht Feministin sein, schreibt sie darin unter anderem.

Diese unbequeme Wahrheit wird uns Tag für Tag vor Augen geführt, immer mehr Frauen spüren sie am eigenen Leibe. Besonders augenfällig trat sie bei den Jubelfeiern der selbstbewusst auftretenden MinisterInnen der „Wenderegierung“ zutage. Wendekanzler Schüssel versuchte sich, umringt von seinen Ministerinnen, als Frauenfreund und Frauenförderer in die rechte Medienpose zu setzen. Doch „halbe halbe“ in der Regierung ergibt nun einmal unter diesen politischen Umständen leider keine ganze Frauenpolitik. Und so will auch unter überzeugten Quotenverfechterinnen überhaupt keine Freude aufkommen ob der starken schwarzen oder blauen weiblichen Präsenz.

Doch halt! Natürlich betreibt diese Regierung Frauenpolitik, höchst engagierte sogar, aber natürlich in ihrem Sinne. Und somit ist doch Frausein Programm, ein ganz bestimmtes Bild von Frauen und ihrer gesellschaftlichen Rolle. Deren Durchsetzung hat sich diese Regierung verschrieben, und die Wende zurück in die frauenpolitische Steinzeit wird wirkungsvoll vorangetrieben. Frauen haben in erster Linie – unbezahlte – Familienpflichten und – ehrenamtliche – soziale Dienstleistungen zu erfüllen; allenfalls dürfen sie durch Teilzeitarbeit das Familieneinkommen etwas aufbessern. Wir Frauen sind die großen Verliererinnen aller sozialpolitischen Maßnahmen dieser Regierung; die Armutsgefährdung bis ins Alter ist heute das große weibliche Lebensrisiko. Ökonomische Selbstversorgung und soziale Absicherung rücken für immer mehr von uns außer Reichweite; ein wesentlicher Pfeiler von Selbstbestimmung wird zunehmend ausgehöhlt und immer brüchiger.

Dies gilt selbstverständlich auch für uns Lesben. Materielle Unabhängigkeit von (Ehe-) Männern ist ein unverzichtbarer Faktor für unsere Lebensform. Diese Basis wird uns zunehmend entzogen. Hier gilt es auch für uns, genauestens hinzusehen! Die gesellschaftliche Akzeptanz unseres Lesbischseins erschöpft sich nicht und endet nicht mit juristischer Gleichstellung – auch wenn sie natürlich wichtig ist. Akzeptanz bedeutet nicht zuletzt auch – oder vielleicht sogar zuerst? – die Herstellung von Bedingungen, die es uns überhaupt ermöglichen, als Lesben zu leben, über unser eigenes Leben zu entscheiden.

Auch wenn viele von uns es nicht wahrhaben wollen: Ökonomie beeinflusst stark unser Leben. Ich fürchte, diese banale Tatsache hat diese Regierung sehr gut erkannt und verwendet sie als politische Waffe gegen uns und unsere Gleichstellungsforderungen. Ihr Dilettantismus, Blindheit und Ignoranz vorzuwerfen ist daher stark verfehlt. Auch und gerade ihre Sozial- und Wirtschaftspolitik ist unter diesem Gesichtspunkt als frauen- und lesbenfeindlich, als lesbophob zu charakterisieren. Ihr die rote Karte als Protest zu zeigen ist jedoch viel zuwenig. Auch wenn die bisherigen Widerstandsaktionen gegen diese Regierung kaum Erfolge gezeigt haben, eine Form wurde bisher – in Österreich – noch nicht eingesetzt: ein unbefristeter Generalstreik von Frauen!