LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

Autonome Trutschn

Flucht nach Sibirien

Statt uns von den Lobesreden zum 5. Jahrestag der Wenderegierung belästigen zu lassen, zogen wir es vor, die Nomaden der sibirischen Tundra zu besuchen. Aufmerksamen LeserInnen wird nicht entgangen sein, dass wir verstärkt in den Ländern der ehemaligen UdSSR tätig sind. Vieles ist in diesen Ländern noch im Argen, und es bedarf erfahrener Politikerinnen wie der Trutschn, um die Probleme dieser Region in den Brennpunkt der Weltöffentlichkeit zu rücken. So reisten wir also in die Nähe des Polarkreises. Fürwahr, es ist ein raues Land. Die Menschen kämpfen ums tägliche Überleben, und bei Temperaturen bis minus 60 Grad Celsius ist die Frage pro oder kontra Pelz nicht mehr relevant. Man trägt, was einen wärmt.

Zwei Menschen eingemummt in Pelzma?Nntel mit Kapuzen

Die Präsidentinnen zogen Sibirien der eisigen Kälte schwarzblauer Politik in heimischen Gefilden vor.

Während sich Präsidentin Marlene einen Eisbrecher samt 20 Matrosen vornahm, war ich eher am ursprünglichen Leben der Nomaden interessiert. Denn auch ich kenne das Leben und das freie Vazieren! Obwohl das Leben in der sibirischen Tundra mit unserem kaum zu vergleichen ist, gibt es doch Parallelen. Gejagt wird da wie dort. Während wir dem lieben Geld hinterherjagen, das uns dann ernähren soll, jagen die Nomaden gleich der Nahrung, sprich dem Rentier, hinterher. Das Rentier stellt ja die einzige Nahrungsquelle in der Tundra dar. Dass die Parole fünf Stück Obst und Gemüse pro Tag hier nicht gilt, sollte ich wenig später in drastischer Weise begreifen. Um ständig wie 22 auszusehen, halte ich eine ausgeklügelte Diät ein, bei der nicht nur das Kohlehydrat vom Eiweiß und das Wasser vom Wein getrennt werden muss, sondern auch darauf zu achten ist, eine besonders schädliche Kombination zu meiden: Sauerklee und Magermilch. So löste die Ankündigung, dass es verschiedene fettfreie Rentierspeisen gebe, keinerlei Unbehagen bei mir aus. Da meine Russischkenntnisse auf 24 Kaukasusdialekte beschränkt sind, verstand ich anscheinend nicht recht, was es mit der Temperatur von 37,5 Grad, mit der die Rentiere gegessen werden, auf sich hat.

Wenig später stellte sich jedoch heraus, dass mit 37,5 Grad die Körpertemperatur von Rudolph & Co gemeint ist. Normalerweise reicht es, in meiner Gegenwart das Wort Blunzn auszusprechen, um mich zum Kollabieren zu bringen. Mich ekelt vor allem Rohen, vor Blutigem sowieso. Als man mir dann die Wahl zwischen einem Stück (noch warmen) Herzen des Tieres und einem noch befellten Lendenteil ließ, war für mich Feuer am Dach. Tranceartig begann ich, eine feurige Rede über die Leistungen des Kabinetts Schüssel und die bildungspolitischen Erfolge von Liesl Gehrer zu halten, und garnierte diese mit einem Südtiroler Stanzl, das auch den Text der Präambel zur neuen Verfassung beinhaltete. Meine Gastgeber hielten dies für einen alarmierenden Vitamin- und Eisenmangel und boten mir daraufhin einen Krug mit warmem Rentierblut an. Ende, aus! Ich fiel in ein psychosomatisches Koma, das mehr als zwei Wochen andauern sollte. Als ich zu mir kam, wollten mir meine besorgten Zeltgenossen eine besondere Freude machen und lasen mir die neuesten Nachrichten aus Österreich vor: Janine Schiller behauptet, ihre Lippen seien echt. Liesl Prokop distanziert sich von der Aussage ihres Mannes, dass Frauen an den Herd gehörten. Elisabeth Gürtler freut sich, dass heuer rein zufällig auch ein chinesisches Paar den Opernball eröffnet, und weist jeden Vorwurf des wirtschaftlichen Kalküls von sich. Als mir auch noch ein Bild Martin Bartensteins mit Perücke beim Villacher Fasching gezeigt wurde, flehte ich um politisches Asyl und trank einen halben Kanister Blut leer, um zu demonstrieren, dass ich eine von ihnen sei. Wäre nicht Marlene gewesen, ich wäre niemals zurückgekommen. Sie weiß, wie sie mich ködern kann, und kennt das Gegengift: ein Bild von Heinz Fischer samt seiner reizenden Gattin am Opernball und einen Akt von Markus Rogan. Nachdem ich mangels Papiersackerls in einen ausgewaschenen Rentierdarm hyperventiliert hatte, war ich bereit, es noch einmal zu versuchen. Jetzt sind wir wieder in Österreich. Es ist hier viel zu tun, wir packen es an.

Portraitfoto
DIE PRÄSIDENTINNEN