LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

Aus lesbischer Sicht

„Ich bin Frau“

Nachdem ich, wie berichtet (LN 1/05), meine Geschmacks- und Magennerven mit Ratgeberlektüre über Vollwertkost zur Bekämpfung von Homosexualität belastet hatte, gönnte ich mir einen wahren Lesegenuss, den ich an dieser Stelle von ganzem Herzen weiterempfehlen kann: Julian Schuttings soeben erschienenen 99-Seiten-Essay über das Tanzen. Wer lesen kann, der und die lese! Wer obendrein – wie Hunderte von uns Lesben und Schwulen heutzutage – das paarweise Tanzen oder/und das Ballett liebt, wird doppelt und dreifach Vergnügen an dieser Lektüre haben.

In der Jugend ist dem Dichter die Schmach erspart geblieben, mit einem Burschen tanzen zu müssen. Er begann sein Leben als Tanzschüler, der sich mit der Partnerin zusammen jahrelang weiterbildete, und perfektionierte im neunundfünfzigsten Lebensjahr (...) ohne jegliche Vorkenntnisse.

Mir blieb es nicht erspart. Mit 16 lernte ich in der traditionsreichen Tanzschule meiner kleinen Heimatstadt recht passabel tanzen. Als ich mit 19 in die Homo-Szene kam, schien meine Tanzzeit für den Rest des Lebens jäh beendet. Was ich in der Tanzschule gelernt hatte, das galt hier nicht. Die heterosexuellen Spielregeln, wo je ein Herr und eine Dame zusammengehören, hatten hier keinen Platz. Auf Frauenfesten dieser Jahre wurde offen getanzt. Zu Janis Joplin, Patty Smith und Nina Hagen. Geschlossenes Tanzen war die Ausnahme. Und was zu Schnulzen und langsamer Musik – „L’amour-Hatscher“ genannt – auf Frauenfesten und in der sogenannten Subkultur praktiziert wurde, war bestenfalls ein Tanzsurrogat oder Tanzimitat: Wie aneinander geklettet schunkelten die Paare, das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagernd, zur Musik. Zu etwas fetzigeren Rhythmen hopsten sie im immergleichen Wechselschritt durch den Raum – ebenfalls bestenfalls das Tanzen imitierend. Um bei derlei Tanzerei ein Tanzvergnügen zu empfinden, hatte ich durch meinen ehemaligen Kursbesuch zu viel Ahnung davon, wie Tanzen wirklich geht.

Doch es kamen die tollen 80er Jahre mit Festen im Lila Löffel und in der Sonderbar (heute als FZ-Bar bekannt). Da gab es Feste mit guter Tanzmusik, wo anfangs Humtata-Fox und Klettenkleber-Hatscher als state of art überwogen, zumal ausgerechnet die rhythmisch-sensorisch unterbelichteteren, aber sozial forscheren Exemplare unter uns Lesben sich mehrheitlich bemüßigt fühlten zu behaupten: „Ich führe! Komm, tanzen wir!“

Der Dichter Schutting legte gemeinsam mit seiner Partnerin Prüfungen ab und erwarb ein Tanzabzeichen. Auch ich habe die silberne Herrennadel. Das erwähne ich zuweilen – mit stolzgeschwellter Brust. Doch wie ich bis dorthin kam, das war eine andere Geschichte als jene von Julian Schutting.

Der wichtigste Schritt dazu war mein „Frau“-Werden. Bevor ich mit meiner Partnerin in Tanzschulkurse ging, die auf Prüfungen in Bronze, Silber, Gold und „Star“ vorbereiten, mich dort zum Schrittlernen ganz selbstverständlich in jene Reihe stellte, wo außer mir nur Männer standen; wo ich ohne Zögern auf die Bezeichnung „Herr“ für mich hörte, hatte ich mich in der Lesbenszene zur führungssouveränen „Frau“ herangebildet. Ab 1988/89 hatten nämlich Birgit und Bettina dem Humtata-Elend auf Wiens Frauenfesten ein Ende bereitet. Sie unterrichteten uns im Tanzen nach den Regeln der Kunst. Lesbenuntaugliches im Regelwerk des Hetero-Spiels hatten sie zuvor einem durchdachten feministischen Recycling unterzogen. Konsequent nannten sie die Führende „Frau“ und die Geführte „Dame“. Ein kleiner Kunstgriff in der Sprache – ein großer Schritt vorwärts für uns alle. Welche Freude, zu diesem Slow Waltz oder jenem Tango eine „Dame“ mit den Worten zu bitten: „Ich bin ‚Frau‘. Magst du tanzen?“!

Portraitfoto
HELGA PANKRATZ