LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

Bücher

LN-Bibliothek

Homo-Politik

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Nico J. Beger: Tensions in the struggle for sexual minority rights in Europe. Que(e)rying political practices. Manchester University Press, Manchester/New York 2004.

Zwischen 1997 und 2001 hat Nico Beger für seine Dissertation an der Universität Amsterdam schwul-lesbische und Transgender-Lobbypolitik auf europäischer Ebene in Theorie und Praxis wissenschaftlich untersucht. Die politische Praxis des Lobbying bei Europarat und EU – in erster Linie durch ILGA bzw. ILGA-Europa – wird ausführlich und äußerst informativ geschildert und dabei auch der politische Unterbau, nämlich der Menschenrechts- und Nichtdiskriminierungsansatz, beleuchtet und zugleich aber in den größeren Kontext der queer theory und deren ideologische Ansätze gestellt. Viele Überlappungen und hybride Beziehungen zwischen queer theory und der Umsetzung in die politische Praxis werden analysiert.

Diese Präsentation ist insofern besonders spannend, als sich einerseits die meisten PraktikerInnen der Bewegung, sprich die AktivistInnen, oft nicht viel um theoretische Zusammenhänge und Aspekte kümmern und andererseits sich viele TheoretikerInnen oft nicht in die „Niederungen“ des alltäglichen politischen Kampfs „vor Ort“ begeben. Diese beiden Elemente und Bestandteile so anschaulich zusammenzuführen und in der Zusammenschau zu erörtern ist neben der Fülle an konkreten Informationen über die Entwicklungen und Fortschritte in Sachen Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen in Europa ein Hauptverdienst dieser Arbeit, für die der Autor auch Interviews mit etlichen
ProtagonistInnen der politischen Lobbyarbeit auf europäischer Ebene geführt hat.

KK


Die Kunst zu pfeifen

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Jeanette Schmid: Ich pfeif’ auf alles...! Das Leben der Kunstpfeiferin Baronesse Lips von Lipstrill. Vier-Viertel-Verlag, Strasshof/Wien/Bad Aibling 2004.

Beim 25-Jahr-Fest der HOSI Wien im Wiener Rathaus begeisterte Jeanette Baronesse Lips von Lipstrill, geborene(r) Rudolf Schmid, die Gäste mit einem „Pfeifkonzert“. Einige Tage später, am 4. November 2004, feierte die Kunstpfeiferin, die wohl neben Erik Schinegger und Julian Schutting die bekannteste Transgender-Person Österreichs – wie man heute sagen würde – ist, ihren 80. Geburtstag. Jeanette Schmid war Anfang der 60er Jahre wohl auch eine/r der ersten ÖsterreicherInnen, die eine operative Geschlechtsanpassung durchführen ließen. Und das geschah bei Rudolf in Kairo. Dort – wie im ganzen arabischen Raum und in halb Europa – war er als Tänzer, Sänger und Verwandlungskünstler in Varietés aufgetreten.

Ihrem bewegten Leben als Künstler/in widmet Jeanette – neben der Kindheit im Böhmerwald, den Erlebnissen als Soldat in Italien, der Vertreibung aus der heute tschechischen Heimat nach dem Krieg – ihre jetzt erschienene 150 Seiten starke Autobiographie. Sie erzählt darin über das mondäne Leben der Varietés, ihre Auftritte auf Kreuzfahrtschiffen, ihre Begegnungen mit prominenten Persönlichkeiten und natürlich über ihre „Wandlung“ von einem Mann zur Frau – und wie sie eher zufällig zum Kunstpfeifen kam, nämlich anlässlich eines Auftritts bei einer Hochzeit im Palast des Schahs von Persien. Dieser hatte gemeinsam mit seiner Frau Soraya 1955 Jeanette bei ihrem Auftritt im Hamburger Hansa-Theater gesehen und nach Teheran eingeladen.

KK


¿Venceremos?

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Miriam Lang (Hg.): Salsa Cubana – Tanz der Geschlechter. Emanzipation und Alltag auf Kuba. konkret Texte 37, Hamburg 2004.

Kuba. Ein Urlaubsparadies für viele. Idealisierter Lichtblick am kapitalistisch verfinsterten Horizont für manche. Für die USA: dämonisierte Provokation vor der Haustür.

Miriam Lang versammelt Aufsätze von Expertinnen, viele von ihnen aus Kuba selbst, in denen die Effekte der ökonomischen Öffnung der letzten zehn Jahre auf Familien- und Nachbarschaftsbeziehungen, Sexualmoral, Kultur und Lebensgefühl nachvollziehbar werden. Das seit 50 Jahren kommunistisch regierte Land mit dem vorbildlichen Bildungs- und Gesundheitssystem, in dem Prostitution als eine Form sexueller Ausbeutung historisch überwunden gilt, wird von Tourismus, Konsum und wirtschaftlichen Liberalisierungen herausgefordert. Neu ist das Phänomen der jineteras/jineteros: einheimische Urlaubsbekanntschaften, die jede/r Tourist/in leicht finden kann. Sie bringen Wohlstand ins Haus und genießen deshalb Ansehen – unabhängig von der sexuellen Orientierung.

Als Meilenstein für ein Umdenken zum Thema Homosexualität gilt der Film Erdbeer und Schokolade. Die Geschichte eines Kubaners, der sein Land nur deshalb verlassen muss, um als Schwuler ein würdiges Leben führen zu können, hat 1993 Havannas Kinopublikum tief bewegt.

Ein hervorragendes Handbuch, sowohl für intelligentes Urlauben bei den Menschen auf Kuba als auch für intelligentes Sympathisieren mit ihnen.

HP

550 Jahre Männlichkeit

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Wolfgang Schmale: Geschichte der Männlichkeit in Europa (1450-2000). Böhlau-Verlag, Wien/Köln/Weimar 2003.

Keine leichte Aufgabe, der sich Wolfgang Schmale stellt: Auf rund 270 Seiten Text präsentiert er die Geschichte der Männlichkeit in Europa (1450-2000). Ein etwas ehrgeiziges Ziel also, an dem jede/r Autor/in scheitern muss. Dennoch ist es nicht nur lobenswert, dass Schmale das Wagnis eingeht – das Ergebnis kann sich über weite Strecken auch sehen lassen. Nach einem etwas verworrenen Beginn, in dem der Autor wortreich darlegt, warum es eigentlich gar nicht möglich sein kann, dieses Buch zur Zufriedenheit aller zu schreiben, schafft er es, einen groben Überblick über den Begriff „Männlichkeit“ und seine Bedeutung unter wechselnden gesellschaftlichen Bedingungen zu vermitteln.

Die gewählte Methode kann man hinterfragen: Schmale bleibt über weite Strecken deskriptiv. Er teilt die Zeiträume großzügig ein (so werden das 18., 19. und 20. Jahrhundert zusammengefasst) und stellt jeweils eine Autobiographie in den Mittelpunkt zum Untermauern dessen, was Mann ausmachte. Dazu gibt es Mindmaps mit den wichtigsten Lebensthemen und Schlaglichtern auf alle Bereiche der Wissenschaft und Kunst. Die Auswahl ist dementsprechend willkürlich und natürlich nicht auf alle gesellschaftlichen Schichten und Regionen umlegbar. Dafür aber sind die meisten Kapitel angenehm zu lesen, manche sind sehr aufschlussreich, andere sind weniger gelungen (leider etwa das über Homosexualität), und die letzten Seiten über den modernen Mann bleiben zu beliebig und heben sich von der Herangehensweise bei den vorhergegangenen Kapiteln zu stark ab. Doch in all seiner Unvollständigkeit und trotz zahlreicher Lücken hat Schmale ein interessantes Einführungswerk geliefert, auf dem ein weiterführender Männerdiskurs aufbauen kann.

MW

Perle des Expressionismus

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Hans Henny Jahnn: Die Nacht aus Blei. Nachwort von Josef Winkler. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/Main 1999.

Während der Expressionismus in der bildenden Kunst einen hohen Stellenwert einnimmt, führt die deutsche Literatur des Expressionismus eher ein akademisches Dasein, insbesondere wenn man Kafka als Sonderfall herausnimmt. Während in der Lyrik Trakl und Benn Begriffe sind und Wedekind im Gegensatz zu Wildgans doch immer wieder auf der Bühne anzutreffen ist, werden die Prosawerke dieser Epoche während und nach dem Ersten Weltkrieg kaum mehr gelesen. Umso spannender ist es, sich in die Welt Hans Henny Jahnns einzulassen, dessen Nacht aus Blei nun in der Bibliothek Suhrkamp neu herausgegeben wurde. Ursprünglich als Teil eines größeren Ganzen gedacht, steht das Werk auch allein als intensives Dokument eines Stils, der mit grellen Farben und starken Bildern versucht, die Irrationalität und die Resignation einer zerfallenden Gesellschaft nachzuzeichnen. Die nächtliche Stadt, durch die Matthieu taumelt, ist unwirtlich, kalt und dunkel. Die Menschen, die er trifft, sind Hüllen, die Gasthäuser bieten weder Speis noch Trank. Die Begegnung mit seinem jungen Ich führt ihn letztendlich in den Abgrund, wo die Ausgestoßenen ihren letzten Zufluchtsort finden. Über allem liegen die Sehnsucht nach dem jugendlichen männlichen Körper und die Verzweiflung über die Stigmatisierung dieser verbotenen Liebe.

Jahnn, der diese Erfahrungen am eigenen Leib machte, wartet wohl auch auf Grund dieser Thematik bis heute vergebens auf seine (Wieder-)Entdeckung. Auch wenn uns die Sprache und die Bilder heute oftmals befremden, so entwickelt gerade auch Die Nacht aus Blei einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann. Das Nachwort von Josef Winkler schließlich ist ein Kunstwerk für sich, das die Grundgedanken der Erzählung Jahnns konsequent aufgreift und in einen neuen Kontext stellt.

MW

Sexbomber

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citizen_b: Der Sexbomber. Wer sprengt den CSD? Himmelstürmer-Verlag, Hamburg 2004.

Auf den ersten Blick ähnelt Der Sexbomber einem Volksschulbuch. Intellektuelle Hintergründe? Spannende Suche nach einem Verrückten, der Bombenanschläge auf Schwuleneinrichtungen durchführt? Stilistische Höhenflüge? Nichts da, dafür ist das Buch herrlich erfrischend, und citizen_b wird seinem Ruf als Pop-Literat gerecht. Das Trio der Detektei Fingerprinz, das die Anschläge aufklären und einen weiteren auf den Frankfurter CSD verhindern soll, ist genauso witzig beschrieben wie seine schwule und homophobe Umgebung. Kein Krimi für anspruchsvolle Schöngeister, aber einer, der das Attribut queer verdient.

MW

Schwule Fantasy

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Fiona Patton: Der Kelch der Flamme. Die Brandon-Saga. Übersetzt von Irene Bonhorst. Piper Fantasy, München/Zürich 2004.

Gerade von Fantasy-Autorinnen geschriebene sword and sorcery-Abenteuer zeichnen nicht nur Heldinnen, sondern auch Helden fernab genretypischer männlich-kriegerischer Klischees. In Der Kelch der Flamme, erster Teil einer Serie, erzählt Fiona Patton die Geschichte des magisch begabten Kronprinzen Demnor, von dessen Liebe zu seinem Gefährten Kelahanus und seinen Kämpfen um die Nachfolge. Gerade dass Demnor kein strahlender Held, sondern ein Mann voll innerer Widersprüche ist, macht einen Großteil des Reizes an dieser Lektüre aus. Weiters vermag der Roman dem Genre trotz streckenweise langatmiger Schilderungen durchaus einige neue Facetten abzugewinnen.

GH

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