LAMBDA-Nachrichten Nr. 103

Bel Ami-Tour 2004

Pretty Boys in Wien

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden schwule Sexfilme der so genannten „harten Pornografie“ zugerechnet. Noch bis Anfang der 90er Jahre wurden einschlägige Videokassetten in den Sexshops unter der Theke gehandelt – zu horrenden Preisen, versteht sich.

Aber gleichsam als Nebeneffekt der schwul(-lesbischen) Emanzipationsbewegung wurde schließlich auch die fotografische und filmische Dokumentation solcher „Unzuchtshandlungen“ legalisiert, und der schwule Porno konnte seinen Siegeszug antreten. Bel Ami ist eines der bekanntesten Labels. Produzent George Duroy rekrutiert seine Models vor allem in ehemaligen Ostblockstaaten, z. B. in der Slowakei, Tschechien und Ungarn. Die Produktionen zeichnen sich nicht nur durch die meist außerordentlich ansprechenden Darsteller, sondern auch durch die gekonnte Inszenierung und die perfekte technische Qualität im Hinblick auf Kameraführung und Lichtsetzung aus.

Ursprünglich waren die Filme vor allem für den großen amerikanischen Markt gedacht, aber auch europäisches Geld stinkt nicht, und so sind die Videokassetten und DVDs nun auch in ganz Europa erhältlich – die Herkunftsländer der Darsteller ausgenommen. Den Vertrieb für den deutschsprachigen Raum hat Bruno Gmünder übernommen.

Tour durch Europa

Im Oktober 2004 schickte Gmünder drei der aparten Models auf eine Europa-Tour, bei der sie in schwulen Buchläden und diversen Szenelokalen Signierstunden abhielten und ihre Bildbände, Videos und DVDs mit persönlichen Widmungen versahen. Ob es ein besonders wichtiger Sieg der Schwulenbewegung ist, wenn sich nun schwule Pornostars wie Hollywoodschauspieler auf Tourneen von ihren Fans feiern lassen, sei dahin gestellt – ein kleiner, frivoler Triumph ist es allemal.

Foto von der Signierstunde
Matt und Josh signieren einen Stapel Bücher, während Sebastian im Löwenherz-Katalog blättert.

Am 18. Oktober 2004, wenige Tage nach Erscheinen unserer letzten Ausgabe, starteten die Bel Ami-Boys ihre Europa-Tour mit einem Besuch in der Buchhandlung Löwenherz. Dem Redakteur der LAMBDA-Nachrichten bot sich bei seiner Ankunft ein zu verhaltener Heiterkeit Anlass gebendes Bild: An der einen Seite des Geschäfts sitzen die drei Jungs Matt Phillipe, Josh Elliot und Sebastian Bonnet in ihren hautengen weißen Bel Ami-T-Shirts an einem Tisch und signieren Bücher und DVDs. In einem mehrere Meter umfassenden Respektsabstand haben sich Fans aller Altersklassen brav in einer Reihe angestellt. Nur sehr zaghaft wagen sie sich an ihre Idole heran. Obwohl die Burschen sehr bereitwillig alle Autogrammwünsche erfüllen, trauen sich nur die besonders Mutigen, auch nach einem gemeinsamen Foto zu fragen.

Das Interview

Quasi als eine Art Manager werden die drei Jungstars von Johan Paulik begleitet, einem der ursprünglichen Bel Ami-Stars, der mit seinen nun fast 30 Lenzen als Darsteller bereits „in Pension“ ist. Er ist dann auch beim Interview dabei, das wir mit den jungen Männern führen dürfen. Zum Aufwärmen die obligate Frage nach dem Alter: Sebastian ist 27, Matt 22 und Josh 21. Für die beiden jüngeren ist es die erste derartige Tour, Sebastian hat schon mehrere derartige Veranstaltungen in den USA absolviert. Das merkt man ein bisschen, er ist sehr souverän und locker, die andern beiden sind vor allem zu Beginn doch ein wenig zurückhaltend. Was fragt man einen Pornodarsteller noch? Vielleicht was Peinliches: Wissen die Eltern über ihre Tätigkeit Bescheid? Matts und Sebastians Eltern haben keine Ahnung, Josh hat seinen lediglich erzählt, dass er als Model arbeitet. Schauen sie sich selbst ihre eigenen Filme an? Nein, das Interesse daran, sich selbst beim Sex zu beobachten, scheint eher gering zu sein. Nur Sebastian gibt an, dass er – weil er auch fallweise hinter der Kamera agiert – die Aufnahmen beim Schnitt sieht. Bekommt man als Pornostar bei Touren wie dieser eindeutige Angebote von Fans? Sebastian, der ja schon mehrmals unterwegs war, verneint und meint diplomatisch, sie seien lediglich Teil der Träume und sexuellen Fantasien ihrer Fans.

Christian und Johan lächeln in die Kamera
Foto fürs Fan-Album: LN-Redakteur Christian mit
Bel Ami-Altstar Johan Paulik

Unbefriedigend fallen die Antworten zum Thema Safer Sex aus. Bisher war es ein ungeschriebenes, aber von den meisten großen Labels peinlich genau beachtetes Gesetz, dass in schwulen Pornos wegen der Vorbildwirkung nur sicherer Sex betrieben wird. In mindestens zwei der letzten DVDs gibt es aber „Cum-Shots“ in den Mund. Offenbar ist den jungen Männern die Tragweite dieser Thematik nicht bewusst. Konfrontiert mit dieser sensiblen Frage, geben sie sich erschreckend uninformiert: Sie seien ja ohnehin getestet und gesund…

Wenig zu sagen haben sie auch zur schwulenpolitischen Relevanz ihrer Tätigkeit: Sie sehen sich weder als Role Models noch glauben sie, dass die Pornos Teil des schwulen Emanzipationskampfes sind. Okay, vielleicht war das auch ein wenig hoch gegriffen. Fragen wir etwas Banaleres: Macht ihnen Sex mit Männern Spaß? Matt findet dabei Aspekte, die er bei einer Frau nicht bekommen kann – aber umgekehrt geht ihm beim Sex mit Männern auch etwas ab. Auch Josh outet sich als Bisexueller: Er habe privat so viel Sex mit Frauen, dass er mit Männern nur vor der Kamera intim wird. Sebastian lässt erst seine lockeren Sprüche ab, wonach er in der Woche durchschnittlich mit fünf Typen Sex hat. Bei längerem Nachfragen kommt aber ans Tageslicht, dass er ebenfalls bisexuell ist, und schließlich plaudern seine Kollegen sogar ein besonders pikantes Geheimnis aus: Sebastian hat vor wenigen Monaten seine Freundin geheiratet.

Nach dem Interview geht es wieder zurück zum Signiertisch, wo sich bereits wieder eine Schlange gebildet hat. Peter, ein besonders treuer Fan, hat alles, was von Bel Ami erschienen ist, zusammengesammelt und will jedes Stückchen signiert haben. Am Abend werden die Bel Amis noch auf Einladung der Löwenherzen zum Essen ins Café Willendorf ausgeführt. Aber allzu spät soll es nicht werden, schließlich geht es am folgenden Morgen schon sehr früh zum Flughafen – in der nächsten Stadt warten schon weitere Fans darauf, einmal ein paar Worte mit „ihren“ Bel Amis zu wechseln.

Christian Högl

Die beiden Burschen am Bauch liegend und in die Kamera blickend

Sebastian und Josh in sinnlich-verträumter Pose (aus dem Bruno-Gmünder-Fotoband Sebastian)