LAMBDA-Nachrichten Nr. 102

Durch die rosa Brille

25 Jahre „Ärgernis“

Fünfundzwanzig Jahre! Ein stolzes Jubiläum für die HOSI Wien und ein guter Anlass, zweieinhalb Jahrzehnte Revue passieren zu lassen. Wie viel hat sich doch in dieser Zeit verändert! Als Wolfgang Förster im Frühjahr 1979 mit dem legendären Inserat in der Wiener Stadtzeitung Falter Interessierte für eine „Schwulengruppe“ suchte, wurde Homosexualität in Österreich gerade einmal acht Jahre nicht mehr strafrechtlich verfolgt. Das Totalverbot war unter Justizminister Christian Broda 1971 abgeschafft worden. Um das konservative Lager zu besänftigen, waren zugleich aber ein Vereins-, Werbe- und Prostitutionsverbot und ein höheres „Schutzalter“ für Homosexuelle eingeführt worden.

1979 wurden die Statuten zur Gründung des Vereins „Homosexuelle Initiative Wien“ eingereicht. Prompt kam es zu einer parlamentarischen Anfrage von FPÖ-Abgeordneten. Das war schon harter Tobak für die Rechten: Eine Initiative der Homosexuellen? Jo, derfen’s denn des? Sie durften. Christian Broda sah keinen Verstoß gegen das Vereinsverbot. Juristisch spitzfindige Erklärung: Im entsprechenden § 221 war das Verbot einer Organisation, die „gleichgeschlechtliche Unzucht“ begünstigt, an den Zusatz „und die geeignet ist, öffentliches Ärgernis zu erregen“ gekoppelt. Die Gründung der HOSI Wien müsse nicht zwangsläufig Ärgernis erregen. Wenn die gewusst hätten!

Eines der ersten „öffentlichen Ärgernisse“ war die Teilnahme an einer Budenstraße mit einem eigenen großen HOSI-Stand bei den Festwochen alternativ 1980 am Reumannplatz. Der Bezirksvorsteher fürchtete sich vor der Volksseele und ließ den Stand entfernen. Doch er hatte nicht mit der Solidarität der anderen Gruppen gerechnet, die ein Wiederaufstellen der HOSI-Bude erzwangen.
Das „öffentliche Ärgernis“ sollte in der Folge geradezu zum Grundprinzip der gesellschaftspolitischen Arbeit der HOSI Wien werden. Sie hatte es als eine ihrer zentralen Aufgaben erkannt, mit Infoständen, Demonstrationen, Kulturveranstaltungen und pointiertem Aktionismus das Auge der Öffentlichkeit auf die Lebenssituation von Lesben und Schwulen zu lenken.

Wenn man alte Fernsehaufnahmen oder Zeitungsausschnitte betrachtet, muten manche Formulierungen aus heutiger Perspektive furchtbar anachronistisch an. Ende des letzten Jahrhunderts wurden Lesben und Schwule für gewöhnlich als Kriminelle, Perverse, Abartige und – im besten Fall noch „bemitleidenswerte“ – Kranke betrachtet.

25 Jahre nach Gründung der HOSI Wien hat sich das Blatt komplett gewendet. Im Jahr 2004 gibt es einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber, dass Lesben und Schwulen die gleichen Menschenrechte zuzugestehen sind wie allen andern auch. Natürlich gibt es auch heute noch Kräfte, die uns skeptisch, abwehrend oder feindlich gegenüberstehen. Nur sind es jetzt sie, die mit weniger schmeichelhaften Attributen bezeichnet werden: Sie sind die Intoleranten, die Ewiggestrigen, die Rückständigen. Eine ÖVP-Justizsprecherin, die die lesben- und schwulenfeindliche Haltung ihrer Partei in einer Fernseh-Live-Diskussion verteidigen muss, kann nur auf Zeit spielen und ist völlig in der Defensive. 1979 hätte ein/e ÖVP-Politiker/in nicht einmal im Traum daran gedacht, öffentlich mit einem Schwulen oder einer Lesbe ein Gespräch zu führen.

Wir können zu unserem 25-Jahr-Jubiläum stolz auf die gesellschaftspolitische Entwicklung zurückblicken. Und mit viel Elan weitermachen – denn es ist immer noch eine Menge zu tun!

Portraitfoto
CHRISTIAN HÖGL

Titel

Und hier der Text, der sinnvollerweise am Ende einen Link enthält.