LAMBDA-Nachrichten Nr. 102

Leitartikel

Vorsicht Homosexualität!

Das bloße Betrachten bestimmter lesbischer oder schwuler Internetseiten sowie die Lektüre „einschlägiger“ Infos könnte die UserInnen zur Homosexualität verführen, befürchtet man wohl im Bundeskanzleramt. Denn die vom BKA verwendete Internet-Filter-Software WebSense sperrt Websites der Kategorien „Schwule“, „Lesben“ und „Bisexuelle“ – so u. a. der HOSI Wien und von Rainbow-Online. Begründet wird dies mit dem Entstehen eines möglichen „Imageproblems“ durch das Ansurfen solcher Internetadressen.

So weit, so schlecht. Hausherr Wolfgang Schüssel hat, wie wir alle schon seit vielen Jahren wissen, gerade hier selbst ein gravierendes Imageproblem. Bis heute hat er ja durch das Schüren homophober Vorurteile und vor allem durch massive Ignoranz und Unkenntnis in Sachen Homosexualität von sich reden gemacht. Von keines Gedankens Blässe angekränkelt, verweigert er sich jeder Auseinandersetzung mit Themen wie Abbau von Diskriminierungen oder erst recht Gleichstellungsmaßnahmen. In trauter Eintracht zelebriert er mit diversen sattsam bekannten HardlinerInnen seiner Partei das Beharren auf der Aufrechterhaltung traditioneller, uralter Familienwerte. Geradezu gewaltsam stemmt er sich gegen jeden Fortschritt und ist nur zu Zugeständnissen bereit, wenn entsprechende EU-Richtlinien nicht länger umgangen werden können. In sein verkitschtes, von der gesellschaftlichen Realität längst überholtes Leitbild der Kleinfamilienidylle passen wir natürlich nicht hinein – und wollen es im übrigen auch nicht.

Wie stark muss doch dieser sich so bemüht als „starker Mann“ stilisierende Politiker von der Angst vor Homosexualität, vor selbstbewussten Lesben und Schwulen und nicht zuletzt vor seiner eigenen latenten Homosexualität gebeutelt werden?! Keine Bange, Herr Bundeskanzler, auch bei völliger Gleichstellung werden Sie nicht dazu gezwungen, selbst schwul zu werden oder schwulen Sex zu haben!

Für die erwähnten Vorgänge in dieser immerhin auch von unseren schwerverdienten Steuergeldern finanzierten Behörde gibt es nur ein passendes Wort: Zensur. BeamtInnen werden gehindert, sich seriösere Informationen zugänglich zu machen als die vom Oberzensor und Möchtegern-Metternich Schüssel erwünschten. Und dies gerade jetzt, da politisch intensiv über die Einführung der Eingetragenen PartnerInnenschaft und über ein tatsächlich auch für uns taugliches Antidiskriminierungsgesetz diskutiert wird. Das erklärt vermutlich auch, warum wir uns diesbezüglich aus dem Bundeskanzleramt nur unwissenschaftlichen, vorurteilsbehafteten Unsinn oder aus der Mottenkiste aufgewärmte Vorurteile anhören dürfen!

Vielleicht fürchtet Hausherr Schüssel aber auch Untergebene, die punkto Lebensrealitäten von Lesben und Schwulen besser als er informiert sein und ihn auf sein diesbezügliches völliges Unwissen, sein Fehlwissen, auf seine geradezu im klinischen Sinne krankhafte Homophobie hinweisen könnten. Da sollen doch die BeamtInnen lieber blöd sterben, als dass ein mit einem derartigen Übermaß an politischem Sendungsbewusstsein ausgestatteter Polit-Messias wie er sich seine Fehlbarkeit eingesteht oder etwa zugibt, noch dazulernen zu müssen.

Portraitfoto
Gudrun Hauer

Gefährliche Websites

Weitere Informationen zum Thema von Gudruns Kolumne in unseren Kurzmeldungen.