LAMBDA-Nachrichten Nr. 101

Homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus

Bund verzögert weiter
– Wien beginnt

Nachdem der Antrag der Grünen (Nr. 86/A) vom März 2003 auf Novellierung des Opferfürsorgegesetzes (OFG) im Juni des Vorjahrs nach erster Lesung im Plenum des Nationalrats dem Sozialausschuss zugewiesen (vgl. LN 3/03, S. 11, und LN 4/03, S. 27 f) und von diesem am 13. Februar 2004 vertagt worden war, hat sich in dieser Sache nichts mehr getan. Auch das Büro von Sozialminister Herbert Haupt vertröstet uns seit über einem Jahr trotz regelmäßiger telefonischer Nachfragen, wie es denn nun mit einer Stellungnahme des Ministeriums aussehe. Wie berichtet (vgl. LN 2/03, S. 8 ff), hatte ja die Historikerkommission im Jänner 2003 in ihrem Schlussbericht kritisiert, dass nach Aufhebung des Verbots der Homosexualität im Jahre 1971 keine rückwirkende Einbeziehung der wegen ihrer Homosexualität verfolgten NS-Opfer ins OFG erfolgt ist. Seither herrscht im Sozialministerium und bei den Regierungsparteien im Nationalrat zu dieser Frage Funkstille.

„Affäre Broukal“

Daher nahm die HOSI Wien in ihrer Aussendung vom 7. Juni 2004 auch die heuchlerischen und beleidigten Reaktionen von ÖVP und FPÖ auf die umstrittene Äußerung des SPÖ-Abgeordneten Josef Broukal zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass ÖVP und FPÖ immer noch den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus jeglichen Rechtsanspruch auf Entschädigung nach dem OFG verweigern und daher keinen Grund hätten, sich über Broukals Sager, es sei ihnen „unbenommen, den Nationalsozialisten nachzutrauern“, künstlich aufzuregen.

Mit ihrer Haltung, so HOSI-Wien-Obfrau Bettina Nemeth, „geben ÖVP und FPÖ zu verstehen, dass diese Opfergruppe zu Recht in den KZ-Lagern inhaftiert und ermordet wurde – womit sie eindeutig nationalsozialistisches Gedankengut vertreten! Zuletzt haben ÖVP und FPÖ im Nationalrat 1995, 2001 und 2002 gegen eine entsprechende Novellierung des OFG gestimmt.“ (Der volle Wortlaut der Aussendung findet sich wie immer auf www.hosiwien.at.)

Gedenkfeier in Mauthausen

Aktion Standesamt
AktivistInnen der HOSI Linz und der HOSI Wien bei der Befreiungsfeier im ehemaligen KZ Mauthausen.

Am 9. Mai 2004 nahmen jedenfalls AktivistInnen der HOSI Linz und der HOSI Wien wieder an der alljährlichen Befreiungsfeier im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen teil. Nach der gemeinsamen Feier vor dem an der Lagermauer angebrachten Gedenkstein für die homosexuellen NS-Opfer zog unsere Abordnung nach den Länderdelegationen offiziell durch das Lagertor und über den ehemaligen Appellplatz ein – und wurde dabei wie jedes Jahr mit spontanem Applaus vieler BesucherInnen bedacht. Dieses Jahr gab es keine/n Hauptredner/in – André Hellers fulminante Rede des Vorjahrs wäre ohnehin kaum zu toppen gewesen –, vielmehr kamen Überlebende des Lagers mit berührenden und mahnenden Ausführungen zu Wort.

Wenig Neues in Wien

Auch in Wien brauchen die Dinge länger, als wir uns das wünschen würden, aber immerhin passiert etwas. Die wissenschaftliche Aufarbeitung, die Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny bei einem Gesprächstermin mit HOSI-Wien-Vertretern im Februar 2004 in Aussicht gestellt hatte (vgl. LN 2/04, S. 14) und die er auch bei der Paraden-Pressekonferenz am 24. Juni 2004 öffentlich angekündigt hat (vgl. S. 7), ist auf Schiene gebracht, wiewohl keine Rede davon sein kann, dass die Resultate der Studien im Sommer vorliegen, wie er noch im Februar gemeint hatte. Von diesen Ergebnissen wollen er und die Stadt Wien ja die allfällige Errichtung eines Denkmals für die lesbischen und schwulen Opfer des Nationalsozialismus im Besonderen – wie die Grünen es fordern – bzw. staatlicher Unterdrückung durch die Menschheitsgeschichte hindurch im Allgemeinen, wie wir es fordern, abhängig machen. Ein von den Grünen eingebrachter Antrag wurde folglich im Gemeinderat Ende Juni neuerlich abgelehnt.

In der grünen Hochburg Wien-Neubau wurde indes auf der Bezirksratssitzung am 17. Juni 2004 auf Antrag des parteifreien Bezirksrats Jürgen Türtscher die Errichtung einer Gedenktafel mit der Inschrift „Totgeschlagen – Totgeschwiegen – Den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus“ einstimmig – also auch mit den Stimmen von ÖVP und FPÖ – beschlossen. Der Antrag wurde – um einen geeigneten Standort im 7. Bezirk zu finden – dem Kulturausschuss zugewiesen.

Kurt Krickler

Aus dem Leben

Foto von der Ausstellung

Die Internet-Version der im Rahmen von Europride 2001 veranstalteten Ausstellung Aus dem Leben – Die nationalsozialistische Verfolgung der Homosexuellen in Wien 1938-45 ist weiterhin unter folgender Adresse anzusehen: www.ausdemleben.at