LAMBDA-Nachrichten Nr. 101

Regenbogen-Parade 2004

Ausgelassenes Fest am Ring

Nach Regen folgt Sonnenschein: Im Jahr 2003 war wenige Wochen vor der Regenbogen-Parade nicht klar, ob sie stattfinden würde. Der Vorstand des veranstaltenden Vereins CSD Wien hatte sich in Handlungsunfähigkeit manövriert, es waren kaum Vorbereitungen getätigt, und die Finanzierung war nicht gesichert. Die HOSI Wien wagte den Sprung ins kalte Wasser und schaffte es dank der Unterstützung einer kleinen Gruppe mutiger AktivistInnen aus dem Stand, eine respektable Not-Parade auf die Beine zu stellen.

MQ

Die Parade 2004 stand hingegen von Anfang an unter einem sehr guten Stern. Die Vorbereitungen konnten rechtzeitig ein gutes halbes Jahr im Voraus in Angriff genommen werden, auch der Regenbogen-Ball im Jänner war mit großem Erfolg über die Bühne gegangen. Potentielle TeilnehmerInnen an der Parade wurden bereits im April durch ein Infoschreiben über alle Details informiert, und die Bewerbung der Veranstaltung über Internet, Printmedien und Plakate wurde rechtzeitig gestartet. Die Pressekonferenz im Szene-Café Berg zwei Tage vor der Veranstaltung war prominent besetzt – die HOSI-Wien-Obleute begrüßten Stadträtin Maria Vassilakou und Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny am Podium. Die Berichterstattung über die Parade war insgesamt sehr zufrieden stellend.

Auch die Wettergöttinnen entdeckten ihre Liebe zu den Lesben und Schwulen: Nach einem eher kühlen, verregneten Frühling und dem verpatzten Sommerstart geriet der Paraden-Samstag zu einem der bislang schönsten und sonnigsten Tage des Jahres 2004.

Während sich am Morgen des 26. Juni tausende Lesben und Schwule gemächlich aus ihrem Bett räkelten, um rechtzeitig um 15 Uhr am Ring zu sein, werkten schon ein paar Dutzend Eifrige am Parkplatz in St. Marx. Dort wurden die großen Sattelschlepper mit Dekoration, Ballons und Transparenten versehen und die Musikanlagen aufgebaut. Kurz vor 14 Uhr setzte sich der von der Polizei geführte Konvoi Richtung erster Bezirk in Bewegung, wo er auf die Fußgruppen und jene mit Klein-LKW, PKW sowie mit Motor- und sonstigen Rädern traf, die entlang des Stadtparks Aufstellung nahmen.

Arc de triomphe de gays et lesbiennes

Bogen
Der Paradenzug bewegte sich durch den schwul-lesbischen Triumphbogen

Punkt 15 Uhr setzte sich der Zug dann in Bewegung. Am Start war ein riesiges Luftburgtor aufgestellt worden, das gleichsam als lesbisch-schwuler Triumphbogen die komplette Ringstraße überspannte und durch das sich der Paradenzug bewegte. Der Bogen hielt das Organisationsteam bis zum Schluss in Hochspannung: Obwohl alles vorher doppelt und dreifach überprüft worden war, konnte sich erst beim tatsächlichen Einsatz zeigen, ob das fast sechs Meter hohe Tor einerseits oben nicht an die Stromleitungen anstoßen und ob andererseits innen kein Wagen anstreifen oder hängen bleiben würde. Es ging aber alles gut, und die FotografInnen hatten ein attraktives Motiv.

Die teilnehmenden Gruppen bewiesen dieses Jahr außerordentlichen Einfallsreichtum. Einer der – schon aufgrund seiner Länge von über 50 Metern – auffälligsten Beiträge stammte von der Rosa Lila Villa: Ein liebevoll dekorierter Kastenwagen fuhr einem schier endlos langen Transparent, unter dem sich alle Villa-Gruppen formiert hatten, voran. Das Why Not zelebrierte unter dem Motto „Tu Felixx Why Not Nube“ den 25. Geburtstag der Diskothek und die für August geplante Eröffnung eines neuen Ablegers, der Felixx-Bar. Die AIDS-Hilfe Wien lud auf ihr rollendes „Pleasure Island“ und brachte damit die Botschaft unter die Leute, dass Safer Sex äußerst lustvoll und spannend erlebbar ist. Die Grünen waren wieder mit dem „lesbischen Hochzeitspaar“ Maria & Maria (Vassilakou und Ringler) und einem großen Wagen („Vielfalt statt Einfalt“) vertreten. Für die SPÖ tauschte die SoHo dieses Jahr ihren Sattelschlepper gegen eine pfiffige Liliputbahn, die sie unter dem Motto „Für dich erfolgreich unterwegs“ auf die Reise um den Ring schickte.

Viel kreatives Potential ließ sich auch abseits der riesigen LKW orten. Es gab einen hohen Drag-Queen-Faktor: Die Präsidentinnen Marlene und Sabine (der LAMBDA-
Nachrichten
-LeserInnenschaft als Autonome Trutschn bekannt) huldigten ihren zahlreichen Fans genauso wie die sagenhaften Temelín Sisters mit ihrem abgewandelten Paradenmotto „Ausstrahlung kennt keine Grenzen“, Wiens „letzte Diva“ Susi Vetschera und die glamourösen „Manne“-quins. Die Regenbogen-Rikschas im HOSI-Wien-Block wurden von einer großen Samba-Gruppe begleitet, die über die ganze Strecke für mitreißenden Rhythmus sorgte. In mehrere Zeitungen schafften es – wohl wegen der zugleich laufenden Fußball-EM – die Schwooligans. Fixpunkte wie die auf ihren heißen Eisen voranfahrenden Dykes on Bikes, der Fiaker mit dem die Neue Zürcher Zeitung lesenden Hermes Phettberg und die mit Regenbogenfahnen geschmückten Smarts und Müllwägen der MA 48 durften auch nicht fehlen.

Feierstimmung im MQ

MQ

Neben der Moderation der Schlussveranstaltung im Museumsquartier übernahm U4-Lady Miss Candy gemeinsam mit der Heaven-Crew auch die Gestaltung des Programms. An den CD-Playern werkten die U4-Resident-DJs Sirius, Moll und Herb, als Show­acts traten u. a. die Song-Contest-erprobte Formation Tie Break und die stimm(ungs)gewaltige House-Diva Lisa Millett auf. Nach einer kurzen Ansprache der HOSI-Wien-Obleute fand sich Politprominenz auf der Bühne ein: Für die SPÖ waren Bundesparteivorsitzender Alfred Gusenbauer sowie Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny gekommen, die Grünen waren durch die Nationalratsabgeordneten Ulrike Lunacek und Karl Öllinger sowie durch Stadträtin Maria Vassilakou vertreten.

Schlussbühne
Auf der Bühne im MQ begrüßte Miss Candy auch prominente PolitikerInnen

In der Nacht wurde in zahlreichen Szenelokalen und bei der offiziellen After-Pride-Party im Sliders Club, die von gayboy.at und ATV+ organisiert wurde, weitergefeiert.

Die heurige Parade, die unter dem Motto „Liebe kennt keine Grenze“ stattfand, ist mit rund 100.000 TeilnehmerInnen und ZuschauerInnen die erfolgreichste gleich nach der im Jahr 2001 gewesen, als Wien Europride-Stadt war.

TEXT: Christian Högl
FOTOS: G. WILKE und CBOX-PIXELWINGS

Maria und Maria

SoHo-Lok

Lesbenpaar