LAMBDA-Nachrichten Nr. 101

CDs

LN-Discothek

Nouvelle vague

In dieser LN-Ausgabe wollen wir unsere seit längerer Zeit eingestellte Rubrik mit CD-Vorstellungen und Musikkritik wieder aufnehmen und diesmal neue französische CDs präsentieren.

Die „neue Welle“ französischer Chansons kommt recht exotisch daher. Bei Nouvelle Vague denkt man natürlich zuerst an Regisseure wie Godard, Truffaut oder Chabrol, aber ich möchte mich dabei auf eine neue Generation von SängerInnen beziehen, die sich bereits einen Namen gemacht haben.

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Helena: Née dans la nature

Wenn sie nicht gerade für Modezeitschriften Modell steht oder Bücher schreibt – sie hat schon zwei Romane veröffentlicht –, singt Helena. Sie ist jedoch keineswegs oberflächlich, wie man vielleicht auf den ersten Blick meinen möchte. Wie Sorbets erfrischen die elf Lieder ihrer neuen CD Née dans la nature. Etwas schelmisch könnte man ihr drittes Album auch als eine Mischung aus Vanille und Marzipan bezeichnen. Einem Schmetterling gleich singt Helena mit großer Attitüde die von ihrem Lebenspartner Philippe Katherine geschriebenen Chansons. Sie scheint eine Träumerin zu sein, wenn auch eine etwas nachlässige.

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Autour de Lucie

Autour de Lucie ist ein Schmuckstück mit verschiedenen Facetten, mehr Pop als Folk zwar. Hinter diesem Namen stecken die Sängerin Valérie Leulliot und ihre Musiker. Als die wahre Seele der Gruppe singt Valérie Leulliot gerne von der Liebe. Zwischen den Wörtern spürt man ihre Energie – eine Energie, die etwas Geheimnisvolles hat. Eher einsam in der Musikabteilung „variété française“, scheint die neue Pop-Muse weniger melancholisch als sonst. Hört man die neue – titellose – CD ein paarmal, überrascht man sich bald dabei, die elf Lieder mitzusingen. Ganz einfach.

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Benjamin Biolay: Home

Benjamin Biolay ist ein Dandy. Elegant – und genial. Dank ihm hat Henri Salvador eine neue Jugend gefunden, Karen Ann den Weg zum Erfolg und Juliette Gréco ein jüngeres Publikum. Der mit Chiara Mastroianni, der Tochter von Catherine Deneuve, verheiratete Biolay hat in seiner Frau auch die kongeniale Partnerin für das äußerst erfolgreiche Album Home gefunden. Das französische Duo – für das CD-Booklet von Inez van Lamswerde und Vinooh Matadin sensationell fotografiert – verkörpert die Harmonie der Wörter und Melodien. Perfekt! Nach Home sind Benjamin und Chiara wohl untrennbar miteinander verbunden. Während sie mit Grazie eher ins Ohr flüstert als singt, wiegt er diese Balladen mit viel Inspiration auf. Home ist wirklich das unvermeidliche Album dieses Sommers.

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Jérémie Kisling: Monsieur Obsolète

Abschließend möchte ich – Chauvinismus verpflichtet – Jérémie Kisling und seine neue CD Monsieur Obsolète erwähnen. Der Sänger aus Lausanne ist nostalgisch und singt mit viel Charme. Wie die Westschweizer es nun einmal tun, setzt er die Wörter etwas langsamer zusammen, aber mit viel Humor. Und die Französinnen und Franzosen scheinen diesen Charme und Humor zu schätzen, denn Kisling absolviert gerade eine erfolgreiche Tournee durchs Hexagon.

Nach soviel Charme stellt sich für mich trotzdem die Frage, warum französischsprachige SängerInnen und Gruppen, wie Benjamin Biolay, Chiara Mastroianni, Autour de Lucie und Helena mindestens ein Lied auf ihren Alben auf englisch singen müssen. Andererseits verleiht Helena durch ihren französischen Akzent der von ihr gesungenen Coverversion von Kylie Minogues Can’t get you out of my head eine ganz besondere Note...

Noch ein Tipp: Den größten Hörgenuss erzielt man bei diesen eingängigen Melodien, wenn man gerade faul oder verliebt ist – am besten natürlich zu zweit. Wobei ich die ewige Frage offen lassen möchte, ob die Franzosen tatsächlich die besseren Flirter sind.

Jean-François Cerf

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