LAMBDA-Nachrichten Nr. 101

Bücher

LN-Bibliothek

Wien unterm Regenbogen

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Christopher Wurmdobler: Queer Vienna. Wien unterm Regenbogen. Falter-Verlag, Wien 2004.

Christopher Wurmdobler, Redakteur der Wiener Stadtzeitung Falter, präsentierte pünktlich zur Regenbogen-Parade seinen Stadtspaziergang-Führer Queer Vienna.

Das Büchlein lädt zu sieben verschiedenen Routen durch Wien ein, bei denen der Autor en passant auch Hintergrunddetails aus der Stadtgeschichte oder Informationen von schwul-lesbischer Relevanz einstreut. Die sieben Kapitel sind verschiedenen Themen gewidmet, so wird man z. B. „que(e)r“ durch die Stadt geführt, über die Route der Regenbogen-Parade geleitet oder auf eine schwule sowie eine lesbische Lokaltour geschickt. Das Buch ist nicht nur für „Zuagroaste“ und TouristInnen interessant: Selbst eingefleischten Wien-KennerInnen offenbart sich manch Neues.

Das Buch ist mit vielen Stadtplan-Ausschnitten und jeder Menge Fotos illustriert. Die meisten Aufnahmen stammen vom Wiener Mode- und Kunstfotografen Stefan Zeisler.

Ein inhaltlich gelungener, flott geschriebener Stadtführer, der allerdings am – offenbar durch die CITYwalks-Reihe des Falter-Verlags vorgegeben – unpraktischen Format (sehr schmal und widerspenstig hartes Cover) und an einem etwas unübersichtlichen, gedrängten Layout leidet. Dennoch ein pfiffiges Buch, das sich auch als nette Geschenkidee eignet – durchaus und gerade auch für den Hetero-Freundeskreis.

Christian Högl

Politisch-persönliche Zeitreise

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Ursula G. T. Müller: Die Wahrheit über die lila Latzhosen. Höhen und Tiefen in 15 Jahren Frauenbewegung. Psychosozial-Verlag, Gießen 2004.

Eine Latzhose ist ein Unisex-Kleidungsstück, das in den 70er Jahren viele Feministinnen in der Waschmaschine lila einfärbten. Sie war nicht nur ein Kleidungsstück, sondern hochgradig symbolisch aufgeladen: als Zeichen des Protests gegen weibliche Schönheitsnormen, gegen Kleidungszwänge, die Frauen zu dekorativen Objekten machten usw.

Die ehemalige deutsche Frauenpolitikerin Ursula G. T. Müller erzählt in ihrem persönlichen, flott geschriebenen Rückblick Die Wahrheit über die lila Latzhosen Geschichte und Geschichten über die Hochphase der bundesdeutschen autonomen Frauenbewegung aus der Perspektive einer Gießener Lesbe, kommentiert und analysiert bissig-liebevoll zentrale Debatten, zeichnet bedeutende Ereignisse nach. Vieles wird hier behandelt: der Lesben-Hetera-Konflikt, die ersten Gehversuche feministischer Wissenschaft, der feministische Dauerbrenner Kampf gegen Männergewalt.

In mir als Aktivistin der „ersten Generation“ rief die Lektüre zahlreiche, fast schon vergessene Erinnerungen wach, sie war eine Zeitreise zurück auch in meine politische Vergangenheit – und zugleich eine Aufforderung, auch weiterhin politisch zu kämpfen. Jungen LeserInnen sei dieses Buch dringend ans Herz gelegt – als Vademekum gegen Geschichtslosigkeit und postmoderne Diskurse.

PS.: Ich besaß nie eine lila Latzhose; ich bevorzugte lange Röcke und indische Flatterkleider.

Abschied von Midland

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Claudia Rath: Reise nach Yandrala. Roman. Milena-Verlag, Wien 2004.

Mit Reise nach Yandrala legt Claudia Rath ihren vorläufig letzten Band der mittlerweile zum Kult gewordenen lesbischen Fantasy-Serie Midland vor.

Die bücherkundige Raktscha gerät in den Besitz eines höchst magischen Buches, dessen Lektüre sie in einen Bann schlägt, dem sie sich nicht mehr zu entziehen vermag. „Das Buch Yandrala. Über den Gesang der Drachin“ ist nur auf den ersten Blick eine Zusammenstellung magischer Beschwörungsformeln und Rituale – jeder Frau, die es liest, flüstert es die Erfüllung ihrer geheimsten Wünsche zu und zwingt sie somit regelrecht dazu, alles in ihrer Macht Stehende dafür zu tun. Und so rüsten die Frauen von Kareb Solto eine Expedition aus, um das sagenumwobene, geheimnisvolle Land Yandrala, Zentrum der Phantasie, zu entdecken, aufzusuchen und das Ei der Großen Drachin Ahrgte aus seinem Schlaf zu erwecken, um ihre Welt zu befreien. Doch sie müssen sehr schnell erkennen, dass dieses magische Buch ein Hort des Bösen ist: Schon während der Vorbereitungsphase steht diese Expedition unter einem Unstern, und auch nach Beginn häufen sich die Unglücksfälle, die die meisten nicht überleben.

Natürlich sind auch aus den früheren Bänden bekannte und den Leserinnen liebgewordene Figuren – wie die Apothekerin Andronja, ihre Liebhaberin Ibak und die Erzmagierin Stu – wieder in die höchst magischen Geschehnisse verstrickt, die ihnen Zeitreisen zurück in die Vergangenheit Midlands abverlangen und immer wieder ihr Leben bedrohen. Langsam, nach vielen kunstvollen Verästelungen und nur scheinbaren Abweichungen vom „Hauptpfad“ der Erzählung, schält sich die eigentliche Bedeutung und Funktion dieses Buches heraus. Überraschende Wendungen sind nicht ausgeschlossen, die jedoch nicht den LeserInnen verraten werden sollen.
Auch in diesem Buch spinnt die Autorin ein vergnüglich zu lesendes Garn aus traditionellen Versatzstücken des Fantasy-Genres, denen sie immer wieder Neues abzugewinnen weiß und in dem sie oft Motive und Geschehnisse aus den früher erschienenen Romanen aufgreift – zum besseren Verständnis der Handlungen empfiehlt sich die Lektüre der gesamten Serie. Und neuerlich entrollt Rath einen ganzen Mikrokosmos vielfältiger, zwischen Frauen möglicher Beziehungsformen, eingebunden in die detaillierte Schilderung einer weiblichen nichtindustrialisierten Welt, wobei sie sword zugunsten von sorcery vernachlässigt, was der Erzählung nur zugute kommt, der die streckenweise gravitätische Sprache zusätzliche ironische Momente verleiht.

Ein Muss für alle Fantasy-Freundinnen. Und eine abschließende Bitte an die Autorin: Bitte unbedingt weiterschreiben! Das kann doch nicht schon alles gewesen sein!

Gudrun Hauer

Mosaik

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Moritz Pirol: Hahnenschreie. Männerschwarm Skript-Verlag, Hamburg 2003.

Ein Exhibitionist in der Wüste. Ein Autor auf der Suche nach seinen Träumen. Ein Lächeln Romy Schneiders. Verschüttete Posaunen in Jericho. Die kurzen Geschichten, die Moritz Pirol im Band Hahnenschreie zusammenfasst und die durch die Person des Briefe schreibenden, konversierenden, Tagebuch verfassenden und reflektierenden Autors zusammengehalten werden, sind skurril, philosophisch und unterhaltsam.

Jede einzelne Episode verfolgt eine Idee, manchmal kommt dem/der LeserIn eine gelungene Pointe unter, dann wieder wird ein Stein gelegt, auf dem eine spätere Geschichte aufbaut. Ganz nebenbei zeichnet der Autor ironisch Bilder von (hauptsächlich) schwulen Menschen, wobei er es schafft, ihre Macken einzufangen, ohne sich über sie lustig zu machen. So leicht können anspruchsvolle Gedanken zu lesen sein.

Mannsein im Kapitalismus

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Lothar Böhnisch: Die Entgrenzung der
Männlichkeit. Verstörungen und Formierungen des Mannseins im gesellschaftlichen Übergang.
Leske + Budrich, Opladen 2003.

Einen interessanten Aspekt der Männerforschung beleuchtet Lothar Böhnisch in seinem Werk Die Entgrenzung der Männlichkeit, mit dem der Verlag Leske + Budrich die Reihe von bedeutenden Beiträgen zu diesem Thema fortsetzt.

Im ersten Teil rekapituliert der Autor die bisherigen Erkenntnisse, setzt sich aber bewusst provokant mit ihnen auseinander und bringt sie mit allgemein gesellschaftskritischen Positionen in Verbindung. Dadurch macht er die Zusammenhänge des Geschlechterdiskurses mit dem Kapitalismus deutlich und zieht interessante Schlüsse daraus, die er durch Kapitel unterlegt, in denen er anhand konkreter Probleme seine Thesen stützt, etwa Pornografie, Rechtsextremismus oder Gewaltbereitschaft. All das bringt er verständlich und ohne den Anspruch auf die alleinige Wahrheit an die LeserInnen. Es ist erstaunlich, wie viel Zündstoff die Gender-Debatte plötzlich wieder birgt.

Erinnerungen

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Thomas Soxberger: Fast Glück. Männerschwarm Skript-Verlag, Hamburg 2004.

Erinnerungen kommen ungeordnet, chaotisch und sind nicht alle gleich bedeutungsvoll. Ihre zeitliche Zuordnung fällt schwer, ist vielleicht oft gar nicht nötig – jedenfalls ergeben sie gemeinsam ein Bild einer Person und ihrer Vergangenheit, mit Lücken zwar, aber mit ein paar tiefgehenden punktuellen Lebenserfahrungen, die sich irgendwie als ausschlaggebend erwiesen haben. So etwa lässt sich der Roman Fast Glück des Niederösterreichers Thomas Soxberger lesen, und das Experiment geht im Prinzip auf. Wer versucht, einen durchgehenden Handlungsstrang zu verfolgen oder eine klare Chronologie in die Geschichtssplitter zu bekommen, wird wahrscheinlich verzweifeln. Geht man jedoch offen an die Erzählweise heran, ergibt sich vieles von selbst. Von der Kindheit ist da die Rede, von den Großeltern, die eine eigene Aura umgibt, von einem Hetero-Freund und von einem Geliebten, der eben doch nur einer von vielen ist. Mag manche Passage auch nicht ganz überzeugen, so ermöglicht Soxberger doch eine Identifikation mit seinem Ich-Erzähler und das Eintauchen in die Existenz eines schwulen Mannes, der seinen Platz sucht.

Ein Buch zu viel

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Alice Miller: Die Revolte des Körpers. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/Main 2004.

Alice Miller ist eine bedeutende Autorin. Spätestens mit der Beschreibung des Dramas des begabten Kindes hat sie sich in die Reihe der bekanntesten KindheitsforscherInnen gestellt. Zu Recht. Doch leider setzt sie sich mit ihrem neuesten Buch Die Revolte des Körpers dem Verdacht aus, auf die Macht ihres Namens zu vertrauen. Es ist schlichtweg unangenehm, wie oft sich Miller in diesem Werk wiederholt, auf sich selbst bezieht und Hypothesen als Tatsachen verkauft. So handelt sie auf dreißig Seiten neun (!) Biografien großer Schriftsteller ab, um nachzuweisen, dass hinter den persönlichen Krankheitsgeschichten in der Kindheit erfahrene Gewalt liegt – und verlässt mit teilweise haarsträubenden Fehlinformationen und Fehlinterpretationen jede Wissenschaftlichkeit. In der Folge diagnostiziert sie, dass besonders das Gebot, die Eltern ungeachtet ihrer Taten zu ehren, nicht nur zu psychischen, sondern auch zu physischen Erkrankungen führt. Das ist keineswegs so neu, um mit derart viel Vehemenz vertreten zu werden. Überhaupt wird man beim Lesen den Eindruck nicht los, Miller arbeite gegen selbst geschaffene Widerstände, um ihre Ansichten als außergewöhnlich hervorzustreichen. Sie hat jedenfalls mit einem solchen Buch dem an und für sich wichtigen Thema hat keinen guten Dienst erwiesen.

Provincetown-Fieber

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Michael Cunningham: Land’s End. Ein Spaziergang
in Provincetown.
Übersetzt von Georg Schmidt. Luchterhand-Verlag, München 2003.

Kennen Sie Provincetown? Wenn ja, dann werden Sie wahrscheinlich mit der Begeisterung der Wiedererkennenden Michael Cunninghams sehr persönliche Beschreibungen des Ortes an der Ostküste der USA verschlingen. Wenn Sie noch nicht dort waren, werden die detaillierten Schilderungen trotz sprachlicher Schönheit vielleicht ein bisschen ermüden. Die persönliche Geschichte des Autors, die uns auszugsweise präsentiert wird, verbindet sich mit dem Versuch, die Stimmung dieses besonderen Städtchens in Worte zu fassen, doch obwohl das auf weite Strecken gelingt, bleibt doch die Frage, an wen sich dieser Bericht wendet. Zu unentschlossen stehen Informationen neben Eindrücken, persönliche Erfahrungen neben allgemein Wissenswertem.

Martin Weber

Eros’ tödlicher Bruder

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Brane Mozetic: Schattenengel. Übersetzt von
Andreas Leben. Passagen-Verlag, Wien 2004.

Eine Gerichtsgutachterin interviewt einen Untersuchungshäftling: Dies ist der einfache, aber effektvolle Rahmen, den der bekannteste offen schwule Autor Sloweniens, Brane Mozeti?, für seine Erzählung Schattenengel wählt.

Das psychologische Interview bringt Motive zum Vorschein, regt das Erinnern und Fantasieren an. In seinem Mittelpunkt stehen die Gefühle. In diesem Fall die Gefühle eines schwulen Erzählers, der einen Stricher aufgelesen hat und an ihm hängen geblieben ist – jahrelang. Zäh, klebrig und verstrickt. Ein Wechselspiel der Bemühungen, sich zu binden und zu befreien, entweder den anderen zu retten oder sich selbst, das nirgendwo anders hinführt als in mörderische Abgründe. Beide werden jeweils Täter, um nicht Opfer sein zu müssen. Jeder von ihnen bringt mindestens einmal einen Lover des anderen um. Mindestens ein Mann geht – in die Falle ihrer „Liebesspiele“ geraten – durch sie zugrunde. Thanatos, die Schattenseite von Eros, herrscht gnadenlos über die Seelen von Mozeti?s gefallenen Engeln. Bemerkenswert in diesem Kontext ist, dass der viele Sex, der selbstverständlich zur Handlung gehört, ausschließlich – und vom Autor bewusst reflektiert – Safer Sex ist.

Die 1996 unter dem Titel Angeli auf slowenisch erschienenen Schattenengel sind in einem packenden literarischen Ton erzählt. Dass das auch im Deutschen so ist, verdanken wir dem Übersetzer Andreas Leben.

Vendetta auf Lesbos

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Karin Rick: Furien in Ferien. Ein Lesbos-Abenteuer. Kriminalroman. Querverlag, Berlin 2004.

Ein Ermittler aus Athen kommt wegen eines Sprengstoffanschlags in Skala Eresou auf die Insel, die der lesbischen Liebe ihren Namen gab. Seine Arbeit wird allerdings in eine neue Richtung gelenkt, als in rascher Folge etliche einheimische Männer blutigen Anschlägen zum Opfer fallen. Der Mann aus Athen recherchiert in einem lokalen Sumpf aus Grundstücksspekulation und Amtsmissbrauch. Prompt wird er durch eine Attacke aus dem Verkehr gezogen, die ihm einen Krankenhausaufenthalt in Mitilini beschert.

Parallel dazu rätseln einige lesbische Touristinnen über die Ursachen dieser brutalen Überfälle, deren Zeuginnen sie teilweise werden. Sie stellen sich dabei Fragen wie: Gibt es in Griechenland Vendetta? Könnte der Attentäter vielleicht eine Frau sein? Haben die Überfälle mit Göttinnen aus der griechischen Mythologie zu tun?

Karin Rick hat hier einen Krimi voll positiven lesbischen Selbstbewusstseins geschrieben, mit sehr viel Witz und Ironie. Sogar die Schilderung so unappetitlicher Figuren wie des Dorftyrannen Theofilos Valiakos, eines zwangsneurotischen Intriganten und patriarchalen Machtgeiers, wird zum Lesevergnügen: Sein größter Wunsch, Skala Eresou von lesbischen Urlauberinnen zu „säubern“, geht letztlich nicht in Erfüllung. Und auch sonst gibt es ein Happy-End. Die wirklich Bösen werden bestraft. Mehr soll hier aber nicht verraten werden.

Helga Pankratz

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