LAMBDA-Nachrichten Nr. 101

Leitartikel

Wasser predigen...

… und Wein trinken, lautet eine altbewährte Devise zahlreicher Kleriker der römisch-katholischen Kirche. Besonders punkto Sexualität. Hier dominieren Doppelmoral und Heuchelei die gesamte Kirchengeschichte. Unsitten-Zerrbilder sind keine seltenen Ausrutscher einiger weniger, sondern strukturbedingt. Neuestes Negativbeispiel ist das Priesterseminar in St. Pölten. Diese üble Melange aus Sexualität, Gewalt, Ausnützung, Vertuschungsaktionen etc. ist nichts Neues.

Priester und Kleriker sind Männer, sexuell und psychisch deformierte Männer. Mit anderen Männern teilen sie Frauenhass und Frauenverachtung sowie Homophobie. Die Ausbildung zum Priesterberuf und die Verpflichtung zum Zölibat verschärfen diese negativen persönlichen Voraussetzungen. Das Ergebnis sind psychisch kranke und politisch gefährliche Männer, vor denen andere Menschen geschützt werden sollten.

Neu ist nicht, dass sexuelle Gewalthandlungen von Priestern ausgeübt werden. Neu ist auch nicht die Häufigkeit. Neu ist: Das bisher hinter diversen (Kirchen-)Mauern verborgen Geschehene wird bekannt gemacht, wird öffentlich. Sicher nur ein Bruchteil, denn Opfer schämen sich und zögern, zur Polizei oder an die Öffentlichkeit zu gehen. Schamlos sind die Täter.

Zwar handelt es sich in St. Pölten um Erwachsene, die um die Folgen ihrer Handlungen wissen. Aber ist es nicht höchste Zeit für Konsequenzen? Konkordat hin und Religionsfreiheit her: Wir Bürgerinnen und Bürger haben ein Recht auf Schutz vor diesen Männern. Erst recht jene in unmittelbaren Abhängigkeitsbeziehungen. Wir Frauen, wir Lesben und Schwule haben ein Grundrecht auf den Schutz vor politischer Einmischung durch diese Institution. Und auf die längst fällige, reale Trennung von Staat und Kirche. Letztere tritt seit fast zwei Jahrtausenden Tag für Tag unsere Menschenrechte mit Füßen. Und auch Kirchenangehörige und Gläubige benötigen Schutz vor diesen so genannten „Seelsorgern“.

Zu Seelsorgern (und Seelsorgerinnen): Für psychotherapeutische und beraterische Berufe existieren strenge, auch staatlich kontrollierte Richtlinien – auch aus Schutzpflicht gegenüber Hilfesuchenden. Zwei wichtige Ausnahmen gibt es jedoch: den New Age/Esoterik-Bereich sowie den kirchlichen bzw. religiösen Bereich. Hier tummeln sich die unzureichend ausgebildeten und überdies psychisch verbogenen Scharlatane. Hier werden Hilfe und Rat suchende Menschen „zugerichtet“. Lesben und Schwulen werden etwa die uralten Vorurteile in Beichtgesprächen, in „Beratungs“-Gesprächen, in „Heilungsgruppen“ wie etwa von Living Waters usw. neuerlich aufgenötigt. Hier ist staatliche „Einmischung“ dringend angesagt – statt des bisherigen Freibriefs. Und seitens der offiziellen seriösen Berufsverbände besteht ebenfalls dringender Handlungsbedarf.

Jede und jeder von uns kann persönlich ihren bzw. seinen Beitrag leisten, dass die Institution Kirche an Einfluss (und somit Geld) verliert: durch Austritt. Diejenigen, die weiterhin verbleiben und vielleicht noch immer auf eine Veränderung zum Besseren hoffen, mögen bedenken: Sie finanzieren sexuelle Gewalt und unsägliche Aussagen wie etwa von den Bischöfen Kurt Krenn und Andreas Laun mit.

Portraitfoto
Gudrun Hauer