LAMBDA-Nachrichten Nr. 101

HOSIsters

Vom Winde verweht

In ihrer bisher längsten Aufführungsserie mit insgesamt neun erfolgreichen Vorstellungen brillierte die hauseigene Theatergruppe der HOSI Wien im März und April 2004 mit der Adaption des Hollywoodklassikers Vom Winde verweht. Für einen Bericht in der letzten Ausgabe der LN war die Zeit leider zu knapp, weshalb wir ihn diesmal nachholen.

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Alle HOSIsters – DarstellerInnen, Musik, Maske, Bühne und Technik – auf einem Bild vereint

Völlig unkriegerisch lösten die HOSIsters anlässlich des 25-jährigen Bestehens der HOSI Wien den amerikanischen Bürgerkrieg und untermalten die Geschehnisse der Sezession mit aktuellen Musiknummern. Besonders fruchtbringend philharmonierte Miss Marilyn die Wiegenlieder ihrer Jugend zum Gesang der Truppe und beobachtete mit Argusaugen die Einhaltung des optimalen Takts zu Freiheits- und Unabhängigkeitsmärschen. Unterstützt von Peter Hillers wie immer professionellen Sequenzen tanzten und lachten die SchauspielerInnen nächtelang unter der großzügigen Abdeckschminke von Regine Blab durch den Abend. Im fulminanten, farbenprächtigen Bühnenbild von Gerd Mitterecker und Sonja Egger erlebte das Publikum einen rauschenden Zug durch Täler und Höhen, wie es sich für ein Südstaatenepos eben gehört.

Erstmals kam ein von Christian Högl exquisit und einzigartig gestalteter audiovisueller Videovorspann zum Einsatz, welcher – so manche Stimme aus der Fangemeinde – das Original beinahe übertraf. Besonders angetan war das lauthals frohlockende Publikum auch von der innovativen Lichtregie unter der Führung von Jakob Lediger, der als neue „Leuchte“ der Truppe diese erstmalig ins rechte Licht setzte.

Was wäre Vom Winde verweht ohne die Protagonistin Scarlett O’Hara – diesmal exzentrisch verkörpert von René Wagner? Nichts – außer vielleicht ein laues Lüfterl! Die Sturmwogen der Begeisterung erreichten ihre Höhepunkte, wenn die zickig-launische und doch charmant-süffisante Scarlett in den sehnig-sehnenden Männerarmen Rhett Butlers (Dieter Schmutzer) dahinschmolz. Seine traditionell markante Präsenz überschattete wohlklingend die aufgehende Sonne des Südens mit markigem Timbre. Die einzige Schwäche, die dem Publikum vielleicht gezeigt wurde, war die der unvergleichlichen Melanie (Anda Dinhopl), wenn sie selig und dennoch singend immer und immer wieder zur Hingabe an ihren Partner Ashley, verkörpert durch Christian Högl, bereit war. Positivsten Widerhall erfuhr sein Changieren zwischen schneidig-schnittigem Offizier und warm-weichherzigem Geliebten. Dem Anspruche treu, gern Gesehenes auch oft und unverblümt zu zeigen, wechselten die androgynsten der HOSIsters chamäleonartig in der Pause ihr Kostüm und ihr Geschlecht.

In der Schwüle Georgias strahlte Susanne Fiebiger testosterone Manneskraft als Wilkerson und laszive Sinnlichkeit als Belle aus. Sprachliche Größe versprühte Doris Bernsteiner in der Rolle des bulligen Big Sam, der zur Verwunderung aller in der zweiten Hälfte des fünfaktigen Epos zu Careen, der klugen, weil wandelbaren Schwester Scarletts, mutierte. Tosende Zustimmung widerfuhr der „göttlichen“ Alten im Fummel, nämlich Benjamin Malfatti als Tante Pittipat, wenn sie quirlig kichernd über die gesamte Breite der Bretter, die die Welt bedeuten, taumelte. So auch seiner unvergleichlichen volksnahen Darstellung des würdevollen Lincoln im alles überragenden Zylinder. Schlussendlich im Zauber der Montur: Willi Fotter als grandioser General Grant, zu dem er sich nach rasanter Metamorphose von der originären afroamerikanischen Nährfrau Mammy verwandelte.

Der Diven acht schlossen nach einer umjubelten Stepptanz-Nummer mit einem exorbitanten, knapp viertelstündigen „Grand Finale“ gesanglich und tänzerisch hervorragend ab. Ein perfekt choreografiertes, inszeniertes und dargestelltes Stück ließ den tosenden Applaus eines treuen Publikums derart stark anschwellen, dass er erst jetzt in den engen Gässchen der Leopoldstadt leise verweht...

Dieser großartige Erfolg bestärkte das kongeniale Autorenduo Martin Weber und Willi Fotter, auch für die kommende Produktion alle Register ihres Könnens zu ziehen, um im nächsten Frühjahr dem Publikum erneut Großartiges, noch nie Dagewesenes, Exotisches und Zirzensisches bieten zu können.

Willi Fotter

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