LAMBDA-Nachrichten Nr. 101

Kurzmeldungen

zusammengestellt von Kurt Krickler

Aus aller Welt

POLEN: Probleme für CSD

Für 6. bis 9. Mai 2004 hat die polnische Lesben- und Schwulenorganisation Kampania Przeciw Homofobii, KPH (Kampagne gegen Homophobie), ihr Festival für Toleranz in der südpolnischen Stadt Krakau geplant und auch durchgeführt. Trotz heftiger Widerstände rechtsgerichteter und katholischer Organisationen und des Rausschmisses aus zuvor zugesagten Räumlichkeiten für eine Podiumsdiskussion fanden die meisten der über mehrere Tage verteilten Veranstaltungen wie geplant statt, darunter Vorträge, Lesungen und ein Besuch im ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau. Die heftigen Angriffe auf das Festival im Vorfeld führten jedoch auch zu einer Welle der Solidarisierung. Und so unterzeichneten sogar viele Prominente wie die beiden LiteraturnobelpreisträgerInnen Wisława Szymborska und Czesław Miłosz die Unterstützungserklärung für KPH.

Pride in PolenPride in Polen
7. Mai 2004: Rechtsextremisten bedrohten die TeilnehmerInnen des CSD in der Krakauer Innenstadt

Massive Probleme gab es dann am 7. Mai bei der Demo durch die Stadt. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der massiven Angriffe auf das Festival in den Medien fanden sich zur Kundgebung statt der erwarteten 300 TeilnehmerInnen rund 1500 in der Krakauer Innenstadt ein. Da rechtsgerichtete Jugendliche mit einer Gegendemonstration drohten, stand die Demo unter massivem Polizeischutz. Doch die Polizei schien auch überfordert. Einerseits änderte sie die Route der Demo während des Umzugs wegen der von der „All-Polnischen Jugend“ (Młodzież Wszechpolska) errichteten Blockaden, statt diese aufzulösen, andererseits überredeten sie die Demonstration, sich in kleinen Gruppen zu zerstreuen, als die Situation in der Nähe des Wawel-Schlosses immer brenzliger wurde und die Gegendemonstranten die TeilnehmerInnen an der Parade, die nicht mehr weiter konnte, mit Eiern, Steinen und sogar Flaschen zu bewerfen begannen. Leider wurde übersehen, dass der einzige Weg, den Ort zu verlassen, durch einen Park führte und die ParadenteilnehmerInnen in der Falle saßen. Der katholisch-faschistische und Neonazi-Mob bemerkte das und jagte daraufhin die TeilnehmerInnen durch den Park auf den Marktplatz in der Altstadt. Dort fanden sie keinen Schutz, weil die Lokalbesitzer sie nicht einließen. Die Hooligans nahmen Gläser und Flaschen von den Tischen der Straßencafés und warfen sie auf die Leute. Unbeteiligte TouristInnen und Einheimische versuchten zu flüchten. Die Polizei musste Warnschüsse in die Luft abgeben, um der Situation Herr zu werden. Schließlich wurden 20 Gewalttäter verhaftet, mehrere Polizisten und ParadenteilnehmerInnen wurden verletzt.

Tomasz Szypuła, Obmannstellvertreter der Krakauer KPH-Filiale, bedauerte, dass „1500 friedliche DemonstrantInnen durch eine viel kleinere, aber gewaltbereite Gruppe attackiert werden konnten“ – und dies eine Woche nach dem Beitritt Polens zur Europäischen Union! Augenzeugen berichteten, dass einer der Anführer des Mobs ein Stadtrat von der „Liga der polnischen Familien“ (Liga Polskich Rodzin) ist, der auch in der All-Polnischen Jugend aktiv ist. KPH-Vorsitzender Robert Biedroń kündigte auch sofort an, Anzeige gegen diese Partei und gegen diese Gruppe wegen der illegalen, weil nicht genehmigten Gegendemo zu erstatten.

Im Juni gab es abermals Schwierigkeiten. Diesmal verbot der Warschauer Bürgermeister Lech Kaczyński von der ebenfalls rechten Partei Prawo i Sprawiedliwość (PiS – Recht und Gerechtigkeit) die Abhaltung der Parada Równości, der Parade für Gleichheit, die in den Vorjahren schon mehrmals stattgefunden hatte und heuer für den 11. Juni geplant war. Die HOSI Wien hat in einer E-Mail an den Bürgermeister gegen dessen Entscheidung heftig protestiert. Auch die österreichischen Medien griffen die Sache auf. Der Autor dieser Zeilen wurde für das englische Mittagsmagazin auf FM 4 zu den homophoben Vorfällen in Polen interviewt.

SERBIEN UND MONTENEGRO: Parade abgesagt

Die serbische Lesben- und Schwulenbewegung hat die für 17. Juli 2004 geplante Parade in Belgrad von sich aus abgesagt. Trotz der Unterstützung im Ausland (vgl. LN 1/04, S. 24) fürchteten die Gruppen um die Sicherheit der Demonstration. Man traute der Polizei nicht zu, die Demo adäquat zu schützen. Die erste Parade in Belgrad vor drei Jahren endete ja wie dieses Jahr in Krakau mit Übergriffen gewalttätiger Neonazis und Rowdys aufgrund einer überforderten Polizei, die zu spät und zu halbherzig einschritt (vgl. LN 3/01, S. 41).

Seit der Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Đinđić im März des Vorjahrs hat sich auch das Klima allgemein wieder verschlechtert. Hatte z. B. dessen Kulturminister Branislav Lečić noch rund € 1400 für das lesbisch-schwule Webportal Queeria (www.queeria.org.yu) springen lassen, lehnte Ende Mai der zuständige Mitarbeiter im Kulturministerium, Rocksänger Bora Đorđević, eine neuerliche Förderung eines lesbisch/schwulen Projekts nicht nur ab, sondern tat dies auch noch mit extrem homophoben Äußerungen in einer Belgrader Tageszeitung.

VEREINTE NATIONEN: Resolution vertagt

Die von Brasilien im Vorjahr eingebrachte Resolution über „Menschenrechte und sexuelle Orientierung“ wurde schließlich von der 60. Sitzung der UNO-Menschenrechtskommission um ein weiteres Jahr vertagt. Wie ausführlich berichtet (LN 2/04, S. 18 f), tagte die Kommission vom 15. März bis 23. April in Genf und sah sich intensiven Lobbying-Bemühungen von NGOs der LSBT-Bewegung ausgesetzt. Zuletzt waren die NGOs froh, dass die Resolution nicht zur Abstimmung gebracht wurde, weil eine Ablehnung zu befürchten war. Nun besteht eine weitere „Schonfrist“ von einem Jahr, die dazu genützt werden kann, die Überzeugungsarbeit weiterzubetreiben, wobei die Phalanx der islamischen Staaten ihre Haltung sicherlich nicht ändern wird, aber südamerikanische, asiatische und vielleicht auch einige afrikanische Staaten könnten sicherlich noch auf die Unterstützerseite gezogen werden. Und es sind ja wieder neue Mitglieder in die Kommission, der 53 Staaten angehören, hineinrotiert.

UNGARN: ILGA-Europa tagt in Budapest

Die diesjährige ILGA-Europa-Konferenz wird vom 27. bis 31. Oktober in der ungarischen Hauptstadt tagen. Eine günstige Gelegenheit für AktivistInnen aus Österreich, wieder einmal an einem internationalen Kongress teilzunehmen, ist man ja heutzutage von Wien aus in zweieinhalb Stunden mit Bahn oder Auto in Budapest. Alles Nähere auf der Homepage des europäischen Lesben- und Schwulenverbands unter:
www.ilga-europe.org.

Die ILGA-Europa ruft auch zu Spenden für das Stipendienprogramm auf. Mit diesem Geld soll die Teilnahme von Delegierten von Organisationen in Ost- und Südosteuropa unterstützt werden, die wenig bis keine Finanzmittel zur Verfügung haben. Es wäre toll, wenn auch LN-LeserInnen einen Beitrag leisten würden. Hier die Kontodetails (Auslandsüberweisungen in der Eurozone sind einfach und kostengünstig durchzuführen!):

IBAN: BE41 3101 8440 8810, BIC: BBRUBEBB.
Empfängerin: ILGA-Europe
Kennwort/Zahlungszweck: Budapest Scholarship Programme
Avenue de Tervueren 94, 1040 Brüssel.

Wer die kleine „Mühe“ einer Auslandsüberweisung nicht auf sich nehmen will, kann den Betrag unter Angabe des obigen Zahlungszwecks auch auf das HOSI-Wien-Konto überweisen, und wir werden ihn verlässlich an die ILGA-Europa weiterleiten.

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